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Thurgauische Kunstgesellschaft – mit 75 Jahren nicht träge, sondern beherzt

Thurgauische Kunstgesellschaft – mit 75 Jahren nicht träge, sondern beherzt
«Kunst ist für mich eine Alternative zum Alltag mit seinen standardisierten Wahrnehmungen.» | © Kathrin Zellweger

Die Thurgauische Kunstgesellschaft feiert ihren 75. Geburtstag, nicht ein Mal und nicht zu Hause in Kreuzlingen, sondern mehrfach und an verschiedenen Orten, um die Kontakte zu den noch nicht Kunstinteressierten zu intensivieren oder aufzubauen, wie Präsident Karl Studer sagt.

Kathrin Zellweger

Als die Thurgauische Kunstgesellschaft vor 75 Jahren gegründet wurde, wurde damit dem Vordrängen der Schweizerischen Kunstgesellschaft und jener von Konstanz ein Riegel geschoben; also eher eine gesellschaftspolitische Massnahme denn eine kulturpolitische. Ist dem heute noch so?

Eine gesellschaftspolitische Massnahme und ein kulturpolitisches Ziel schliessen sich nicht aus. Unser heutiges Ziel ist weniger politisch, sondern liegt klar bei Kunstförderung und -vermittlung. Kunst ist für mich eine Alternative zum Alltag mit seinen standardisierten Wahrnehmungen; sie entwirft eine Gegenwelt.

Kunst hat also einen nutzbringenden Auftrag?

Ja, ganz klar. Sonst ist es blosses Amüsement. Der Nutzen liegt darin, dass wir unsere eigenen Wahrnehmungen überprüfen und allenfalls revidieren. Das heisst auch, sich verunsichern lassen.

Reichen dafür Ausstellungen, wie sie im Kunstraum und im Tiefparterre zu sehen sind? Wie wäre es mit Rede und Gegenrede zu einem Thema?

Ausstellungen sind bloss eine Möglichkeit; es ist jedoch nicht so einfach, gute Varianten zu finden. Die Idee mit der Rede und Gegenrede gefällt mir. Das wäre eine Alternative zu den Künstlergesprächen.

Immer wieder taucht die Idee einer Kunsthalle in Kreuzlingen auf. Wie realistisch ist sie und wie stehen Sie dazu?

Die Umsetzung liegt noch Jahre vor uns. Der Idee kann ich etwas Positives abgewinnen; beides - Kunstraum und Kunsthalle - könnte jedoch nicht nebeneinander bestehen. Ich sehe trotzdem keine Konkurrenzsituation, sondern eher eine Aufwertung und Erweiterung unseres Leistungsauftrages mit zusätzlicher Professionalisierung.

Sie sind seit anderthalb Jahren Präsident der Thurgauischen Kunstgesellschaft. Für solche Ehrenämter werden Personen gesucht, die Rang und Namen und die richtigen Beziehungen haben. Fühlt man sich da nicht instrumentalisiert?

Bei der Anfrage spielte es vielleicht eine Rolle, ob man einen gewissen gesellschaftlichen Status hat, aber davon ist jetzt keine Rede mehr. Instrumentalisiert fühlte ich mich nicht.

... aber geehrt? Ist ein solches Amt in unserer Zeit überhaupt noch eine Ehre, oder ist es vor allem Arbeit?

Wegen der Ehre nahm ich das Amt nicht an und noch weniger, weil ich ein Betätigungsfeld suchte, sondern weil es mir die Gelegenheit bietet, mich noch aktiver mit Kunstfragen zu beschäftigen, als ich es ohne dieses Amt tun könnte. Für mich ist es ein ideelles Kulturengagement im Bereich Bildende Kunst. Was die Arbeit für die Kunstgesellschaft betrifft, so hoffe ich, mir in Zukunft mehr Zeit nehmen zu können. Derzeit bin ich vor allem Koordinator; mehr liegt nicht drin, was vielleicht nicht sehr rühmlich ist.

***

Karl Studer, 1941, ist seit Ende 2007 Präsident der Kunstgesellschaft Thurgau, die den gesamten Nachlass von Adolf Dietrich verwaltet, den Adolf-Dietrich-Förderpreis ausrichtet sowie den Kunstraum (samt Tiefparterre) Kreuzlingen betreut. Zuvor war Karl Studer Chefarzt der Psychiatrische Klinik Münsterlingen. Er lebt in Scherzingen.

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