01.12.2025
Spuren einer neuen Burg entdeckt

In der Nähe der Kartause Ittingen haben Archäologe:innen Hinweise auf eine frühmittelalterliche Burg gefunden. Das könnte neue Antworten auf alte Fragen liefern. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Eine überraschende Entdeckung sorgt für neue Diskussionen über die Frühgeschichte der Region: Eine auffällige Geländeformation in der Flur Töbeli bei Uesslingen-Buch, zunächst von einer Privatperson bemerkt, entpuppt sich nach einer Prospektion als mutmassliche Burganlage aus dem 10. oder 11. Jahrhundert. Das erklärte das Amt für Archäologie in einer Medienmitteilung. Prospektion bedeutet, dass Archäologen oder geschulte Freiwillige eine Fläche systematisch absuchen, um Spuren aus der Vergangenheit zu finden – meist ohne zu graben.
Das Amt für Archäologie Thurgau bezeichnet die Entdeckung in einer Medienmitteilung als «historisch bedeutsam» und sieht darin mögliche Hinweise auf ein lange ungelöstes räumliches Rätsel der Regionalgeschichte.
Eine Entdeckung am Computerbildschirm
Den Ausgangspunkt bildete demnach der Hinweis des Berner Burgenforschers Heinz Moll. Nach Angaben des Amts habe er auf einer hochaufgelösten LIDAR-Reliefkarte des Kantons Thurgau gestöbert. LIDAR ist ein Verfahren, das mit Laserstrahlen aus der Luft äusserst detaillierte Höhenmodelle erzeugt, bei denen Vegetation digital «entfernt» wird, sodass Geländeformen sichtbar werden, die am Boden kaum auffallen.
Moll habe auf dem Höhenmodell zwei kleine Plateaus erkannt, die von steilen Gräben umgeben seien. Zusätzlich seien mehrere alte Hohlwege sichtbar gewesen – durch jahrhundertelange Nutzung eingeschnittene Wege, typisch für frühere Verkehrsachsen. Laut der Mitteilung seien diese Merkmale charakteristisch für sogenannte «Motten» oder «Erdwerke», frühe mittelalterliche Burganlagen, die aus einem künstlich erhöhten Hügel mit einem hölzernen Turm bestanden.
Fünf Stunden Suche und einige spannende Funde
Moll meldete seine Beobachtung dem Amt für Archäologie, das daraufhin den freiwilligen Prospektor Adrian Schoch beauftragte, die Stelle zu überprüfen. Schoch suchte laut Medienmitteilung rund fünf Stunden lang mit einem Metalldetektor und fand mehrere Eisenobjekte.
Darunter befanden sich drei Geschossspitzen, die laut Amt aufgrund ihrer Form ins 11. oder 12. Jahrhundert datieren. Zudem wurde eine kleine Keramikscherbe geborgen. Diese Funde gelten als wichtige Hinweise darauf, dass es sich bei der Geländeformation tatsächlich um eine mittelalterliche Burgstelle handelt.
Mögliche Bedeutung für das Rätsel um die Ittinger Stammburg
Die Entdeckung erhält besondere Aufmerksamkeit, weil sie neue Hinweise auf die Lage der historischen Burg der Herren von Ittingen liefern könnte. Die neue Fundstelle liegt nur rund einen Kilometer westlich der Kartause Ittingen. Das Amt erinnert daran, dass die Kartause ursprünglich auf dem Gelände einer früheren Burg errichtet worden sein soll. Die genaue Lage dieser frühen Anlage war jedoch lange unklar.
Eine Urkunde von 1079, so die Mitteilung, erwähnt eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen dem Abt Eckehard II. von Reichenau und dem Abt Ulrich III. von St. Gallen, in deren Verlauf die Burg Ittingen «durch Eisen und Feuer dem Erdboden gleich gemacht» worden sei. Zwar gebe es Hinweise, dass die Burg später wieder aufgebaut wurde, doch die historischen Dokumente böten keine klaren Angaben zu ihrem Standort.
Schon vor über hundert Jahren hätten Forscher deshalb versucht, die Burg im Gelände zu lokalisieren. Drei Standorte seien bisher diskutiert worden: die Burgstelle Chrüzbuck in Warth-Weiningen, ein möglicher Standort innerhalb der heutigen Kartause Ittingen sowie weitere, unsichere Positionen. Einige Historiker beriefen sich auf eine Urkunde Papst Eugens III. aus dem Jahr 1152, in der den Brüdern Albert, Berchtold und Ulrich von Ittingen erlaubt werde, «auf ihrer Burg zu Ittingen ein Kloster zu erbauen».
Historisches Wegnetz als Hinweis
Die neu entdeckte Burgstelle Töbeli, nur rund 350 Meter von der Burgstelle Chrüzbuck entfernt, fügt sich nach Einschätzung des Amts in dieses räumliche Umfeld mittelalterlicher Nutzung ein und erweitere die Forschungsgrundlage.
Laut dem Amt liegt die Burgstelle heute zwar abseits wichtiger Verkehrswege, im Mittelalter sei dies jedoch anders gewesen. Ein Hohlweg habe das Töbeli mit der Burgstelle Chrüzbuck verbunden. Dort habe eine Ost-West-Verbindung auf der nördlichen Terrasse der Thur verlaufen, die zwei Flussübergänge verband: einen bei Uesslingen und einen südöstlich des heutigen Klosterareals. Diese Verbindung könnte Teil einer grösseren regionalen oder sogar überregionalen Route gewesen sein.
Wie die Anlage ausgesehen haben könnte
Auf Grundlage vergleichbarer Befunde gehen die Archäologen davon aus, dass die Burg im Töbeli vermutlich ein mehrgeschossiges Holzgebäude umfasste, das von einer Palisade und tiefen Gräben umgeben war – eine typische Konstruktion des Hochmittelalters.
Das Amt für Archäologie erklärt, dass es auf den beiden neu entdeckten Plateaus keine Grabungen durchführen werde. Alle potenziellen Strukturen und Artefakte sollten im Boden verbleiben, um für spätere Forschungsarbeiten erhalten zu bleiben. Die geborgenen Objekte würden derzeit restauriert und konserviert.
Ob die Burgstelle Töbeli tatsächlich die gesuchte Stammburg der Herren von Ittingen war, lasse sich nach Angaben des Amts derzeit nicht bestimmen. Sicher sei jedoch, dass die neuen Funde zusätzliche Hinweise auf die mittelalterliche Nutzung des Gebiets liefern könnten und für künftige Forschung bewahrt werden sollen.
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