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12.04.2024

So grün war mein Herz

So grün war mein Herz
Ist im Alter von 89 Jahren gestorben: Der Thurgauer Künstler Jürg Schoop. | © Sascha Erni

Am Ostersonntag ist der Doyen der hiesigen Kunstszene, Jürg Schoop, kurz vor Vollendung seines 90. Lebensjahres verstorben. Er arbeitete bis zum Schluss an seinem Werk, auch wenn er seine Zweifel, ja sein Misstrauen gegenüber dem Kunstbetrieb aufrecht erhielt. Ein Nachruf von Kurt Schmid. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Im November letzten Jahres konnte Jürg Schoop im Zecchinel-Zentrum seine letzte Collagen-Serie mit dem Titel „Backside“ zeigen. Er hatte sich diesen Werkzyklus trotz der bereits weit fortgeschrittenen Krankheit abgerungen. Diese Ausstellung wurde zu seiner letzten Botschaft, was ihm wohl bewusst war. Er schrieb dazu:

„Ganz generell sehe ich die Ursache zu dieser Serie in der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, den Lebensumständen, die ja bei allen in einer neuen Zeitform - namens Ewigkeit - enden.“

Es ist kein Zufall, dass er, der 1934 Geborene und der als Dichter und Maler bereits in jungen Jahren seine künstlerische Arbeit aufgenommen hatte, zuletzt wieder bei der Collage ankam. Schoops Collagen wurden aus Fundstücken unserer Alltagskultur zusammengesetzt, aus Weggeworfenem, Zeitungsschnipseln, Plakatausrissen, Verpackungsüberresten. Aus ihren Kontexten herausgelöst, beziehungsweise mit scharfem Blick identifiziert und ausgewählt, fanden diese Reststücke zu neuen Kompositionen zusammen und mithin zu neuen Assoziationen und Bedeutungen. Letztere stellten sich als Resultate der Kompositionen ein.

Publikumsbeschimpfung inklusive

In seiner letzten Serie allerdings folgten sie einer Botschaft. Was bislang Zufall war, wurde Absicht. Ein mit Punkten bedrucktes Stück Papier beispielsweise wurde gewählt, um das Thema des „Tüpflischiessers“ darzustellen. Klar eine Publikumsbeschimpfung.

Eine schwebende weibliche Figur, wohl aus einer Parfumverpackung, mutierte zum „Schutzengel“, den er weiss Gott selber hätte brauchen können. In die Arbeit mit dem Titel „My own past“ fügte er eine Fotografie seiner Mutter und seiner Grossmutter ein. Er selbst erscheint mit seiner Frau Gerti auf einem in eine weitere Collage eingefügten Dia.

Schoop schrieb dazu:

„Meine Serie soll nicht als Auflistung verstanden werden, sie ist von Zufällen des Grundmaterials (allemal ausgediente leere Schachteln) von spontanen Anregungen ästhetischer oder denklicher Art bestimmt. Diese Arbeiten sollen nicht als eine Art Vorzeige- oder Lehrstücke gesehen werden. Wenn ich eine Absicht einräume, dann die, dass jeder und jede sich dadurch angeregt fühlen soll, die eigene Backside - ob original, seltsam, interessant, verwerflich - zu erkunden.

 

Eine seiner letzten Arbeiten: Madeleine Mantel und Jürg Schoop präsentieren das gemeinsame Werk (2018). Bild: Inka Grabowsky

„Ich bin ein Existentialist!“

Jürg Schoops Kunst-Attitüde wurzelt in den 50er Jahren, im Existentialismus, im Jazz, im Tachismus, im Misstrauen gegenüber jeglicher Ideologie und Gängelung und Vereinnahmung. Er war Jazz-Kolumnist, Elektronikpionier, Schriftsteller, Denker. Immer auf der Spur der Selbstbehauptung gegenüber der wo und wie auch immer festgestellten kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen, ja gesellschaftlichen Übermacht.

Dieser Übermacht stellte er seine Kunst entgegen, man möchte sagen, je weiter sich die konsumorientierte Gesellschaft von seiner Haltung entfernte, desto trotziger. Er richtete sich nicht nach der Zeitströmung - auch und insbesondere nicht der Kunst - setzte sich aber immer mit ihr auseinander. Und eben: Die Versatzstücke, Verpackungen, zerrissene Bildwelten auch der Reklame als Spiegelung und Backside waren und wurden sein eigentliches Thema.

 

Jürg Schoop als Autor

Jürg Schoop arbeitete von 2014 bis 2020 auch als Autor für thurgaukultur.ch In dieser Zeit hat er zahlreiche Texte verfasst. Anlässlich seines Todes haben wir sie ihn einem Dossier gebündelt. Sie sind hier zu finden.

Anerkennung in der Kunstwelt, aber nicht beim grossen Publikum

Es erscheint im Nachhinein folgerichtig, dass Jürg Schoop sich mit seiner kritischen Haltung in einer Aussenseiterposition befand, einer Position, die ihm Anerkennung und Freundschaft in der Kulturwelt, nicht jedoch beim groen Publikum einbrachte. 1985 stellte er im Kunstmuseum des Kantons Thurgau seine Collagen aus, 1998 erhielt er den Thurgauer Kulturpreis, 2008 ehrte ihn die Kulturstiftung mit einer Publikation als 9. Ausgabe der „Facetten“ mit dem Titel: „Unscheinbares im Fokus“.

Kathrin Zellweger schrieb darin: „Jürg Schoop tut sich schwer mit dem Etikett, ein Künstler zu sein. Eine Fremddefinition, wehrt er ab. Was soll er sich selber als Künstler bezeichnen, als ob dahinter eine Lebensplanung und seine Bestimmung stecken würden! „Ich bin ein Existentialist“. Sein Auftrag sei, Mensch zu sein. Punkt.

Artisfiction oder die frühe Arbeit mit Fakes

Kunst als Kunst und Position liebte Schoop. Dem Kunstbetrieb stand er, wie gesagt, zunehmend kritisch bis ablehnend gegenüber. Dennoch konnten wir ihn 1993 überreden, die erste Ausstellung des neuen Kunstraums der Thurgauischen Kunstgesellschaft zu bestreiten. Er übernahm gleich die gesamte Inszenierung selber.

Gezeigt wurden fünf künstlerische Positionen, die in Summe zeigten, wie Kunst zur Selbstläuferin geworden war und somit zu ihrer eigenen Fiktion. Die gezeigten Arbeiten von Mara Donati, Stefan Schappi, Marco Hrubesch und Rudi Tillug waren allesamt Fakes. Die Künstlerinnen und Künstler mit ihrer Biographie und Werken - Ausnahme er selber - waren erfunden. Das Objekt mit dem Titel „Falscher griechischer Engel“ von Stefan Schappi war ebenso erfunden wie auch dessen Aussage: Gott ist ein Computer.

 

Alles nur erfunden.

 

Anlässlich der Vernissage kam es auf der Brückenstrasse zu einem Unfall, bei dem eine Ballerina am Knie verletzt wurde und notfallmässig verarztet werden musste. Auch dies vollumfänglich von ihm theatralisch inszeniert. „Du wirst sehen“, sagte er, „niemand wird es merken, und wenn, wird niemand protestieren“. Das nahm ich ihm nicht ab. Er sollte recht behalten.

Die innere Notwendigkeit

Eine Arbeit Schoops aus dem Jahr 1990 trägt den Titel „So grün war mein Herz“. Es handelt sich um ein objet trouvé, ein Fundstück also. Das Objekt, aus Papiermaché mit Einsprengseln bestehend, ist tatsächlich grün und weist die Form eines Herzens auf. Jürg Schoop hat es nicht gefertigt, sondern gefunden. Oder erfunden.

 

So grün war sein Herz: Zum Abschied des Künstlers Jürg Schoop.

 

Man darf daraus nicht auf eine nominalistische Position schliessen, aufgrund derer Kunst ist, was jemand als Kunst definiert. Kunst ist ein Werk, das aus einer künstlerischen Attitüde entsteht und, wenn sie gelingt, von grundlegender Bedeutung ist. Sie entsteht, wie bei Jürg Schoop, aus einer inneren Notwendigkeit, sei es der Not gegenüber der eigenen, begrenzten und geworfenen Existenz.

Man muss irgendwie echt naiv sein, um dies als Lebensweg und -aufgabe zu wählen. Jürg Schoop hatte dieses grüne Herz und die Kraft, sein Leben der Kunst zu widmen, koste es, was es wolle.

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