von Patrizia Barbera, 14.09.2015
Fernab der Alltagsgedanken

Performance, ernste Poesie und eine etwas holprige Podiumsdiskussion. Ja? Ja! Nein? Nein! Ein Besuch bei den Lyriktagen Frauenfeld.
„Poesie, poésie, poetry: Pläne, Projekte, Petersilie, Parapsychologie und Pier Paolo Pasolini“ und noch vieles mehr mit P versprach Kurator Urs Engeler im Vorfeld der 13. Lyriktage Frauenfeld. Denn: „P ploppt, Poesie poppt.“
Am Eröffnungsabend poppte und ploppte es jedoch noch weniger, stattdessen: Poesie. Punkt. Gar nicht so verspielt, wie die luftig-lockere Ankündigung hätte vermuten lassen. Ein Blick ins Programm gab schnell die Erklärung: „Lesungen“ am ersten Abend, „Performance: Poetry“ am zweiten.
„Die Kulturstiftung hat mich vor eine etwas knifflige Aufgabe gestellt: Zwei Abende, unterschiedlich gestaltet“, erklärte Engeler dem Publikum am zweiten Abend der Lyriktage und gab zu, dass ihn das erstmal vor viele Fragezeichen stellte, denn: „ Die Performer sind ja immer dieselben, die ihre Kunst nicht radikal ändern können. Doch was sie alle eint: Die Verbindung zur Musik.“ Daher der Gedanke und Plan: Am ersten Abend Lesungen, dem Wort gewidmet, am zweiten Lyrik, Performance und Klang im weitesten Sinne gemeinsam.

Ja? Nein? Die Podiumsdiskussion spaltete die Gemüter. (Bilder: Patrizia Barbera)
Doch bevor es am Samstagabend losging mit den, mit Spannung erwarteten, Performances stand um 17 Uhr zunächst eine Podiumsdiskussion mit den acht Künstlern (Michael Fehr, Christian Filips, Birgit Kempker, Dagmara Kraus, Marc Matter, Isabella Sbrissa, Manuel Troller, Bo Wiget) auf dem Plan. „Das soll keine Unterhaltung zwischen uns, hier vorne Sitzenden, werden, sondern ein Dialog mit Ihnen, dem Publikum“, kündigte Engeler den rund 30 Anwesenden im Theatersaal des Eisenwerks an.
Ja? Nein? Oooch!
Die einzige Rahmung der improvisierten Gesprächsrunde: „Ja und Nein“.
Der anfängliche Dialog über Bibelstellen, an denen „Ja, ja, nein, nein“ vorkommt und was dies bedeutet, hangelte sich über die Metaebene der Diskussion (gibt es eine Unterscheidung wie Ja und Nein, Schwarz und Weiss überhaupt?) hin zu tiefen, wissenschaftlichen Gedankenexperimenten mit Umweg über Systemtheorie-Ansätze à la George Spencer-Brown:
„Draw a distinction
Watch its form
Walk its unrest
Know your ignorance"
„Klingt selbst fast wie ein Gedicht, es fehlt nicht viel“, waren sich die Diskutierenden einig. Was wiederum fehlte: Ein Prise Publikum-an-die-Hand-nehmen. Das lauschte den Theorie- und Bibeldiskussionen andächtig und fragte sich hier und da, wo die Verbindung zur Sprache denn sei.
Spencer-Brown'sche Gedankenexperimente und Grübeleien zu Zwischentönen.
Das bunte Potpourri an Gedankenfetzen, die teils schwer mit Bedeutung im Raum hingen, führte dazu, dass sich nur vereinzelt Stimmen aus dem Publikum zu Wort meldeten. „Was für mich bleibt von dieser Diskussion, ist die Besonderheit der kleinen, feinen, Zwischenwörter“, resümierte eine Besucherin und spielte an auf die vorausgegangene Diskussion über „Oooch“ und das Schweizerische, abwägend-vorsichtig-fragende „Jaaa“.
Herausfordernde Ver-Dichtung
Nach einer kurzen Eisenbeiz-Pause in spätsommerlicher Abendstimmung folgten die Performances der Autoren und Musiker. Bis auf eine Ausnahme jeweils im Zweiergespann vorgetragen, vermischten sich italienische Herzschmerz-Oden mit Neue Medien-Raum-Installationskunst, französische Gedichte zur Verwandlung, wie Wellen durch den Körper der Vortragenden in die Gedanken der Anwesenden strömend, mit Geräuschtexten, die live am Mischpult Glurrendes und Gurrendes miteinander vereinten sowie mit rauchiger Whiskeystimme gesungene Poesie-Lieder mit Gitarrenbegleitung.

Im zweiten Teil des Abends standen die Performances im Mittelpunkt.
Peter Höner, der zum Auftakt und Ende der Veranstaltung seine Gedanken zur Lyrik teilte und die Veranstaltung von Kulturstiftungsseite aus moderierte, behielt Recht: „Die Ver-Dichtung fordert uns heraus. Manchmal überfordert sie uns auch. Aber: Wir lassen uns gern überrumpeln, wenn Sprache gelingt was dem Alltag versagt bleibt.“
Und das gelang den Lyriktagen. Offen und bereitwillig liessen sich die Besucherinnen und Besucher in fremde, gedankliche Welten entführen, fernab der Alltagsgedanken. Poesie, die poppte und ploppte? „Ja.“, „Nein!“ - beides, probably.
***
Jamsession der Lyriker - thurgaukultur.ch vom 28.09.2013

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