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Kunst, Kinder, Kompromisse

Kunst, Kinder, Kompromisse
Spannende Runde im Apollo Kreuzlingen: Eric Facon (links) diskutierte beim Kulturstammtisch mit der Rapperin Big Zis, dem Künstler Patrik Muchenberger und der Politikerin Marion Sontheim. | © Jörg Rudolph

Wochenendarbeit, viele Abendtermine und eher prekäre Bezahlung: Passt der Künstler:innenberuf überhaupt zu einem Familienleben? Darüber diskutierte Eric Facon mit Gästen bei seinem Live-Podcast „Kulturstammtisch“ im Apollo Kreuzlingen. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Es gibt Themen, da kann jede:r mitreden. Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Beispiel. In diesem Feld macht jede:r eigene Erfahrungen, für sehr viele Menschen ist es eine grosse Herausforderung den Ansprüchen von Job und Familie gleichzeitig gerecht zu werden. In Umfragen zeigt sich immer wieder, dass sich viele Menschen hier Verbesserungen wünschen.

Wenn das quasi in jedem Beruf ein Problem ist, wie ist das dann erst in einem Beruf, der aus viel Wochenendarbeit, Abendterminen und eher prekärer Bezahlung besteht? Und damit sind wir dann auch schon bei Kunst und Kultur. Für Künstler:innen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch mal eine besondere Herausforderung. Vor allem, weil ihr Beruf so speziell ist.

Werden Familien strukturell diskriminiert?

Das Problem oft: Familien werden in vielen Strukturen bislang nicht mitgedacht. Das legt jedenfalls eine Studie von Visarte nahe, die sich mit der Vereinbarkeit von Kunstberuf und Familie am Beispiel von Atelierstipendien beschäftigt hat. Ein Ergebnis daraus: Fast drei Viertel der Institutionen, die solche Stipendien anbieten, sind nicht vorbereitet auf die Bedürfnisse von Familien. Die Journalistin Judith Schuck hat ausführlich für thurgaukultur.ch zu dem Thema recherchiert. Das zeigt: Man sollte viel offener über das Thema reden. 

Genau das machte der Ex-SRF-Radiomoderator Eric Facon in seinem Live-Podcast „Kulturstammtisch“ am vergangenen Donnerstag (gibt es demnächst auch zum nachhören überall dort, wo es Podcasts gibt) mit seinen Gästen im Apollo Kreuzlingen. Bislang war er mit dem Format nur in St. Gallen unterwegs, nun machte er erstmals Station im Thurgau. Eingeladen hatte er die alleinerziehende Mutter und Rapperin Big Zis, den mit Familie und zwei Kindern lebenden Künstler Patrik Muchenberger und die ebenfalls familiär und beruflich sehr eingebundene Politikerin und Bildungsmanagerin Marion Sontheim. thurgaukultur.ch, die ig kultur ost und das Apollo waren gemeinsame Co-Host des Abends. 

 

„Geld und Zeit sind meistens eher knapp. Ehrlich gesagt ist es oft eher ein Hustle, ein richtiger Kampf beides zusammen zu bringen.“

Big Zis, Rapperin (Bild: Jörg Rudolph)

Also: Familie und künstlerische Karriere - geht das zusammen? „Geld und Zeit sind meistens eher knapp. Ehrlich gesagt ist es oft eher ein Hustle, ein richtiger Kampf beides zusammen zu bringen“, sagte die Rapperin Big Zis zum Auftakt. Und das war ein Stück weit doppelt deprimierend, weil es ist, wie die Musikerin es beschrieb, aber auch, weil Big Zis eine etablierte Musikerin ist, die gefördert und ausgezeichnet wird. Wenn schon so jemand hadert mit den Umständen, wie geht es erst Künstler:innen, die sich noch keinen Namen gemacht haben?

Einen Einblick dazu gab der Künstler Patrik Muchenberger. Früher habe er häufiger Residencies in Brasilien gehabt. Seine Partnerin Hoa Luo, ebenfalls Künstlerin, lebte in Berlin, von wo aus sie für Projekte viel nach Norwegen und Island reiste. Mit der Schwangerschaft entschlossen sie sich zusammenzuziehen, in Rorschacherberg. Dort hatte Patrik Muchenberger, ursprünglich aus dem Thurgau stammend, sein Studio. Heute teilen sie sich ein Atelier in Flawil im Kanton St. Gallen. „Ich habe mich anders aufgestellt seitdem die Familie Teil meines Lebens ist, trotzdem finde ich zum Glück noch genügend Zeit für die Kunst.“

 

Moderierte den Abend: Eric Facon. Bild: Jörg Rudolph

Die Strukturen sind zäh

Die Grosseltern übernehmen die Kinderbetreuung, wenn beide Eltern arbeiten. Überleben von der Kunst? Nicht möglich. Deshalb führte die Familiengründung bei Muchenberger auch dazu, dass er sich aus Sicherheitsgründen 80 Prozent als Leiter in der Erwachsenenbildung anstellen liess. Die fünf Wochen Ferien im Jahr und freie Zeit drumherum nutzt er für Kunstprojekte. Eine pragmatische Lösung, die für sie als Familie funktioniere. Auch wenn er weiss, dass sie so einen Teil dazu beitragen, dass gesellschaftliche Strukturen bleiben wie sie sind. Der Mann geht eher arbeiten, weil er mehr verdient und Frauen haben oft das Nachsehen. Geschlechtergerechtigkeit bleibt so ein frommer Wunsch. 

Dass es für Familienmenschen insgesamt schwierig ist, im Kunstbetrieb Fuss zu fassen, hat Patrik Muchenberger selbst schon erlebt. Bewerbungen auf Stipendien zum Beispiel seien schwierig, weil die Bedürfnisse von Familien bei Auslandsaufenthalten oder Atelierstipendien oft nicht mitgedacht würden, findet Muchenberger.

Ist Elternschaft ein künstlerischer Nachteil?

„Wird man als Mutter oder Vater vielleicht auch weniger ernst genommen in der Kulturförderung?“, fragte Moderator Eric Facon seine Runde. „Wenn du Kinder hast, dann bist du jedenfalls nicht 100-prozentig bei der Kunst, kannst har nicht alles so intensiv verfolgen, weil es in der Familie eben auch immer wichtige Dinge gibt, die du erledigen musst“, erklärte Big Zis offen. „Aber in den vergangenen Jahren hat sich da auch etwas verändert, ich nehme schon wahr, dass es da jetzt ein anderes Bewusstsein gibt.“ Dieser Wandel braucht allerdings Zeit. Zeit, die Familienmitglieder oft nicht haben, wenn sie auch als Künstler:in erfolgreich sein wollen.

 

„Politik entscheidet oft danach, was bringt uns was? Gerne auch belegt mit Zahlen. Und in dieser Argumentation ist die Kultur oft nicht besonders hoch priorisiert.“

Marion Sontheim, SP-Kantonsrätin (Bild: Jörg Rudolph)

Irgendwann an dem Abend stellte sich dann die Frage: Wenn das alles so schwer ist für viele Menschen, wäre es dann nicht eine Aufgabe der Politik das Schwere zumindest etwas leichter zu machen? Die SP-Kantonsrätin und Bottighofer Gemeinderätin Marion Sontheim seufzte da erstmal. „Politik entscheidet oft danach, was bringt uns was? Gerne auch belegt mit Zahlen. Und in dieser Argumentation ist die Kultur oft nicht besonders hoch priorisiert“, sagte die Politikerin. Mögliche Gründe dafür seien, die geringen Berührunsgpunkte, die Politiker:innen mit Kultur hätten einerseits, andererseits aber auch die mangelnde Lobbykompetenz von Kulturschaffenden. 

 

Gutes Gespräch in schöner Atmosphäre: Der Kulturstammtisch im Apollo Kreuzlingen. Bild: Jörg Rudolph

Auf der Suche nach Sichtbarkeit

Das Problem daran sei mehrteilig, erklärte die Politikerin, die selbst auch in einem Blasorchester spielt. Anders als bei anderen Interessengruppen gebe es in der Kultur keine zentrale Interessenvertretung. „Als Politikerin weiss man da oft nicht wohin man sich wenden soll, weil die Szene so heterogen ist“, erläuterte Sontheim. Sie selbst werde auch so gut wie nie auf kulturelle Themen angesprochen. „Kulturschaffende haben sich bislang jedenfalls noch nie bei mir gemeldet mit irgendwelchen Anliegen. Dabei könnten wir durchaus voneinander profitieren, in dem wir uns beispielsweise gegenseitig mehr Sichtbarkeit geben. Wenn wir als Kulturpolitiker:innen sichtbarer werden, dann können wir auch politisch mehr erreichen“, zeigt sie sich überzeugt.

Passiere das nicht, werde sich kaum etwas ändern, meinte Sontheim. Dann behalte die Kultur ihre Randständigkeit als Luxusgut und Nice-to-have-Accesoires, aber werde eben nicht ernsthaft in die Debatte einbezogen. „Hat die Kultur ein Imageproblem?“ fragte Moderator Eric Facon daraufhin. „Wir haben die grundsätzlichen Fragen jedenfalls nicht geklärt. Kulturschaffende und Kulturpolitiker:innen müssen gemeinsam den Wert von Kultur für die Gesellschaft besser erklären. Erst wenn das gelingt, wird sich nachhaltig etwas verändern an der Wahrnehmung von Kultur in der Politik“, räumte Marion Sontheim offen ein. 

Die grosse Frage: Welchen Wert hat Kultur für die Gesellschaft?

Und plötzlich war die Runde mitten drin in der ganz grossen Wertedebatte, dabei sollte es doch ursprünglich „nur“ um die Vereinbarkeit von Familie und Künstler:innenberuf gehen. „Wir müssen die Welt verändern!“, rief die Rapperin Big Zis. Es klang halb kämpferisch, halb hilflos angesichts der konkreten Herausforderungen in so vielen Bereichen. Eine Lösung zeichnete sich während der Debatte nicht ab. Zumindest eine Ahnung dämmerte allen Beteiligten - eine Annäherung von Kulturschaffenden und Politiker:innen ist überfällig. Ansonsten ändert sich gar nichts.

 

„Hilfreich wäre schon, wenn beispielsweise Kinderbetreuung in der Kulturförderung mitgedacht würde. Damit auch Eltern die Chance haben, sich voll in ihren Job einzubringen.“

Patrik Muchenberger, Künstler (Bild: Jörg Rudolph)

Fast schon flehentlich, sagte Moderator Eric Facon im Laufe des Abends: „Man muss doch irgendwas machen können!“ Patrik Muchenberger äusserte dazu einen konkreten Vorschlag. „Hilfreich wäre schon, wenn beispielsweise Kinderbetreuung in der Kulturförderung mitgedacht würde. Damit auch Eltern die Chance haben, sich voll einzubringen.“ Daraus ein Pilotprojekt zu machen, das Modellcharakter für andere haben könnte, wäre ein Weg dies der Politik schmackhaft zu machen, ergänzte Marion Sontheim. Schliesslich seien Pilotprojekte oft ein Zauberwort in der politischen Entscheidungsfindung. 

Das Thema ist zu gross für Sonderlösungen

Sie machte allerdings auch klar: Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei viel zu gross als dass man da nur eine Sonderlösung für die Kultur finden könne. „Wir müssen uns fragen, ob wir da grundsätzlich irgendwo falsch abgebogen sind bei dem Thema. Vielleicht brauchen wir heute andere Formen von Gemeinschaft, die so etwas besser auffangen als all unsere bisherigen Modelle.“ Zu skizzieren, wie das genau aussehen könnte, dafür reichte die Zeit an dem Abend in Kreuzlingen dann nicht mehr.

Was bleibt nach rund 60 Minuten Diskussion? Nun ja, es ist kompliziert. Und vielleicht vor allem diese Erkenntnisse: Veränderungen sind für Kulturschaffende ohne politische Kompliz:innen kaum möglich. Um diese Verbundenheit zu erreichen müssten Kultur und Politik aber erstmal eine gemeinsame Sprache entwickeln. Nur so kann gegenseitiges Verständnis wachsen. Wie gross das Interesse auf beiden Seiten daran wirklich ist, das wäre erst noch zu prüfen.

 

Intensive Diskussion: Eric Facon (links im Bild) im Gespräch mit Patrik Muchenberger und Marion Sontheim. Bild: Jörg Rudolph

 

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