26.08.2013
Kulis KulThurbetrachtung 56

Der Kulturbetrieb und seine Protagonisten sind nicht immer gut zu ertragen. Selbstgefälligkeit gepaart mit elitärem Dünkel hebt mich, den unvoreingenommenen Beobachter, immer wieder aus den Socken und treibt mir den Blutdruck in astronomische Höhen. Da hilft nur etwas, ein Besuch bei Bruder Severin. Eine lange Ewigkeit sitzen wir schweigend im Kreuzgang des Klosters, hören dem Plätschern des Brunnens zu, dem leisen Rascheln der Gräser im Wind. „Was ist es heute, Kuli?“, fragt der Mönch irgendwann. „Meienberg.“ Severin hebt die Brauen. „Niklaus Meienberg, das Enfant terrible des Journalismus und Provokateur, der sein Engagement mit dem Leben bezahlte?“ „Den würde ich gerne meinen.“
*
Wieder schweigen wir. Severin versteht mich ohne Worte. Er weiss, welches Tamtam anlässlich des 20. Todestages von Meineberg veranstaltet wird, wie man ihn ehrt, wie ihn alle gekannt haben wollen, ihm beipflichten und vorgeben, ihn zu verstehen. „Heuchler allesamt! Meienberg hätte sie zum Teufel gejagt!“, fauche ich. „Aber ein toter Künstler kann sich eben nicht wehren.“
„Das ist wie bei uns“, antwortet der Mönch lächelnd. „Jesus war zu Lebzeiten auch vielen ein Dorn im Auge, die Mächtigen seiner Zeit zögerten nicht, ihn ans Kreuz schlagen zu lassen. Mit den Jahrhunderten zeigte sich, dass sich Religion ganz gut dazu eignet, die Menschen zu trösten und bei der Stange zu halten.“ „Das sagst du als Christ?“ „Wieso nicht? Was kann ich dafür, dass die Religion regelmässig missbraucht wird! Das ändert nichts an ihrer Wahrheit.“ „Was hat dies mit Meienberg zu tun?“, frage ich skeptisch. „In vielen Kirchen findest du einen Splitter des Kreuzes, alle zusammengesetzt ergeben einen ganzen Wald. Spielt es eine Rolle? Wenn die Leute diesen Splitter wollen, sollen sie ihn haben.“
*
Wieder hängen wir unseren Gedanken nach. Severin hat wohl recht. Die in diesem Jahr stark gewachsene Meienberg-Gemeinde soll ihre Splitter des Meisters bekommen. Vorreiter bei der Heldenverehrung sind Stadt und Kanton St. Gallen. Möglich, dass auch Schloss Hagenwil noch zu einem Pilgerort für die Freunde des Schriftstellers wird, schliesslich hat er dort 1991 residiert. Der offizielle Kanton Thurgau bleibt in diesem Fall ehrlich und gradlinig. Man wollte zu Lebzeiten nichts von Meienberg wissen und mit dem toten Künstler kann man ebenfalls nichts anfangen. So bleibt alles wie es ist, an allen möglichen Schlössern hängt eine Tafel, die davon berichtet, dass Goethe hier geschlafen haben soll, die Plakette zum Meienberg-Aufenthalt hingegen wird man vergeblich suchen. Gut so! Niklaus gehört in die Köpfe.
Kuli
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