Seite vorlesen

von arttv, 02.07.2026

Künstler im Wandel

Künstler im Wandel
Der Künstler Fabrice Hyber. | © arttv.ch

Fabrice Hyber erprobt Rollen, bricht Handlungsmuster auf und bezieht das Publikum aktiv ein. In den Kunstmuseen Thurgau und Thun kann man das jetzt noch bis Ende August im Detail beobachten.

Kunst bedeutet Hoffnung und Glauben an die Vielfalt, sie entwirft Gegenwelten und Utopien – und manchmal realisiert sie diese auch. Für die Ausstellung in der Kartause Ittingen ging der Künstler von der Lebensweise der Kartäusermönche aus. Er zeigt nicht nur Entwicklungsprozesse der Natur in Gemälden, sondern macht auch emotionale Wandlungsprozesse in Form von Figuren erlebbar. 

Jetzt das ganze Video ansehen

Kunst als lebendiges System

Fabrice Hybers Werke sind keine abgeschlossenen Objekte, sondern Teile eines offenen Denk- und Wachstumssystems. Seine Bilder wirken wie lebendige Diagramme: organische Formen, Wörter, Pfeile, Pflanzen, Körperfragmente — alles scheint miteinander verbunden, als würde sich ein riesiges neuronales Netz über die Leinwände spannen. Der Künstler versteht Kunst als Prozess, nicht als Produkt. Ideen sollen sich vermehren, verändern und weiterwirken — ähnlich wie biologische Organismen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Alltag bewusst. Hyber entwirft Modelle für eine Welt, in der Kreativität nicht Dekoration, sondern Überlebensstrategie ist. Seine Arbeiten laden dazu ein, Zusammenhänge neu zu denken: zwischen Mensch und Natur, Individuum und Gesellschaft, Gegenwart und Zukunft. In einer Zeit, die von Beschleunigung und Krisen geprägt ist, setzt er auf Komplexität statt Vereinfachung — und auf Imagination als politische Kraft.

Der Künstler als Hoffnungsgenerator

Hybers Vision bleibt jedoch nicht im Museum stehen. Seit Jahrzehnten arbeitet er parallel an einem realen Langzeitprojekt: Auf ehemaligem Agrarland in der französischen Vendée pflanzt er tausende Bäume und verwandelt Monokultur in ein komplexes Ökosystem. «La Vallée» ist zugleich Kunstwerk, Forschungsfeld und Zukunftslabor — ein Beispiel dafür, wie ästhetisches Denken konkrete ökologische Transformation anstossen kann. Diese Verbindung von poetischer Utopie und realem Handeln macht Hyber zu einem der interessantesten Hoffnungsträger der Gegenwartskunst. Seine Ausstellung in der Kartause Ittingen wirkt wie ein begehbares Manifest gegen Resignation. Statt Weltuntergangsstimmung entwirft sie eine radikal andere Perspektive: Veränderung beginnt mit Vorstellungskraft. Oder anders gesagt — Kunst kann vielleicht nicht allein die Welt retten, aber ohne sie lässt sich keine neue denken.

 

Die beiden Ausstellungen

Fabrice Hyber – Homme de Terre | Kunstmuseum Thurgau | 29. März bis 30. August 2026 |  

FABRICE HYBER. L’ARTISTE AGRICULTEUR | Kunstmuseum Thun | 21. März bis 02. August 2026

 www.kunstmuseum.tg.ch   |  www.kunstmuseumthun.ch

 

Kommentare werden geladen...

Von arttv

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Kommt vor in diesen Interessen

  • arttv.ch
  • Bildende Künste

Werbung

«Kultur trifft Politik» #4

"Ohne Kultur keine Demokratie?" In der neuen Ausgabe des Dialogformats machen wir den Realitätscheck. Mittwoch, 25. November, Eisenwerk Frauenfeld. Weitere Informationen...

Programmleiter:in (30%)

Das Literaturhaus Thurgau am Seerhein in Gottlieben sucht per 1. Januar 2027 eine verantwortliche Person für die Programmleitung. Bewerbung: bis 30. September 2026.

Kulturplatz-Einträge

Kulturorte

Kunstmuseum Thurgau

8532 Warth

Ähnliche Beiträge

Kunst

Wie ein Weckruf aus provinzieller Verschlafenheit

Herzlich, klug, selbstbewusst: Elisabeth Lucy Grossmann war die erste Direktorin des Kunstmuseum Thurgau. Im August ist sie unerwartet verstorben. Ein Nachruf. mehr

Kunst

Die Poesie der Wiese

Simone Kappeler fotografiert seit mehr als 50 Jahren. Mit der Ausstellung «nature vivante» wirft das Kunstmuseum Thurgau einen Blick auf das Lebenswerk der Frauenfelder Fotografin. mehr

Kunst

Wie die Natur Kunst schafft

Von der Pilzspore bis zum gewaltigen Eisberg, der Reichtum der Natur sind die Sujets von Georges Wenger. Der Künstler und Typograf zeigt sie nun mit «Radikaler Aufmerksamkeit» im Kunstverein Frauenfeld. mehr

Werbung

Werbung