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von Medienmitteilung, 12.10.2022

Gold fürs Jenseits

Gold fürs Jenseits
Goldscheibenfibel aus dem reich ausgestatteten Frauengrab | © Amt für Archäologie

Vor einigen Jahren fanden Archäolog:innen in Eschenz einen alamannischen Friedhof. Nach intensiver Forschung ist nun mehr über die Funde bekannt. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Die Entdeckung eines alamannischen Friedhofes aus der Zeit um 600 nach Christus in Eschenz vor einigen Jahren war eine Überraschung. Die Bearbeitung der Grabbeigaben wurde durch die Bergung von «Blöcken» ins Labor verlagert. Bei den Freilegungen kamen laut Medienmitteilung des Amt für Archäologie exquisite Gegenstände zum Vorschein.

Nebst Schmuck aus Edelmetall fanden sich demnach Kaurischnecken aus warmen Meeren und reich verzierte Gefässe aus Ton. „Die Grabbeigaben geben Auskunft über Stand und Rang, sie sind somit Zeugen einer wohlhabenden Gesellschaft, die ihre Verstorbenen mit persönlichen Gegenständen zur letzten Ruhe bettete“, heisst es in der Mitteilung.

Insgesamt 130 Gräber wurden dokumentiert

In zwei Grabungskampagnen hat das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau in der Flur Mettlen in Eschenz 130 Gräber eines frühmittelalterlichen Friedhofs aus dem 6./7. Jahrhundert n. Chr. dokumentiert.

Um möglichst viele Erkenntnisse zur Bevölkerung der Region zu erhalten, wurden auf der Grabung, nebst anthropologischen Messungen und Beprobungen, die Grabbeigaben in Gipsblöcken geborgen. Je nach gesellschaftlicher Stellung und Reichtum statteten die Angehörigen ihre Toten mit unterschiedlich wertvollen Beigaben aus.

 

Grabung im frühmittelalterlichen Gräberfeld in der Flur Mettlen, Eschenz (Bildmitte) Bild: Amt für Archäologie TG

Tiefgekühlt bei minus 17 Grad Celsius

Die Blöcke stellten das Restaurierungslabor des Amtes vor einige Herausforderungen, wie Archäologin Irene Ebneter an einer Medienorientierung erklärte. Nach Abschluss der Feldarbeiten lagerten 230 Blöcke bei minus 17 Grad Celsius in einem Tiefkühlraum.

Von mehrteiligen Ensembles wurden im Vorgang der Arbeiten computertomografische Untersuchungen gemacht. Blöcke mit organischen Bestandteilen wurden priorisiert. Wie erwartet zeigten sich an den Metallobjekten mineralisierte organische Spuren von Kleidungsstücken, Gürtel- und Schwertaufhängungen.

 

Restauratorin Linda Leuenberger bei der Bearbeitung eines «Blockes». Bild: Amt für Archäologie TG

Gut gerüstet für ein Leben nach dem Tod

Die minimale Trachtausstattung der Frauen bestand aus Perlenkette und Gürtel. Aus vielen Bestattungen mit reichhaltigen Beigaben sticht die Frau mit der prunkvollsten Schmuckausstattung heraus. Sie trug eine Goldscheibenfibel sowie eine Halskette mit 94 Perlen. Bemerkenswert sei auch das Gürtelgehänge mit einer Zierscheibe, die von einem Ring aus Elefanten-Elfenbein umgeben ist, erklärte das Amt für Archäologie.

Männer wurden mit einer vollständigen Waffenausstattung und Tracht bestattet. Dass den Verstorbenen nicht nur Schmuck und Waffen mit ins Jenseits gegeben wurden, zeige ein flacher, schwarzer Kiesel, der als Goldprüfstein verwendet wurde.

So sind religiöse Vorstellungen und der Glaube an ein Leben im Jenseits durch diese Bestattungssitte erschliessbar. Die Gegenstände, die den Toten auf die Reise ins Jenseits mitgegeben wurden, sollten den Verstorbenen das alltägliche Leben auch in der anderen Welt – dem Stande gerecht – ermöglichen. Gleichzeitig waren Beigaben mit symbolischen Werten belegt, so das Amt für Archäologie.

Video zur Arbeit der Archäologinnen im Labor

 

 

Wie die Archäolog:innen gearbeitet haben

Die einzelnen gefundenen Blöcke wurden zunächst unter dem Binokular freigelegt und dokumentiert; die entnommenen Metallobjekte vor der Weiterbearbeitung gereinigt und konserviert, um eine Korrosion zu verhindern. Die fragilen Knochenkämme wurden prioritär konserviert.

 

Besonderen Wert wurde laut Medienmitteilung auf die Dokumentation von Glasperlen innerhalb des Blockes gelegt, damit eine Rekonstruktion der Tragweise der Perlenketten möglich bleibt. Ausgewählte Eisenfunde wurden vorgängig geröntgt, um Verzierungen zu erkennen; reine Eisenfunde entsalzt, um weitere Oxidationen zu verhindern.

 

Trotz des grossen Aufwands habe sich die Blockbergungen bei der Arbeit im Feld wie auch für die Weiterarbeit im Labor bewährt, schreibt das Amt für Archäologie. Die Blöcke boten demnach einen mechanischen Schutz für die Funde und die Erhaltung des Befundes bis zur Freilegung im Labor. Der Zeitaufwand für die Nachbearbeitung sei jedoch nicht unerheblich und die Konservierungsarbeiten dauerten an. Der Zeitgewinn auf der Grabung werde im Labor um ein Vielfaches an Bearbeitungszeit durch die Restauratorin multipliziert.

 

 

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