Mehr Geld für Kunst in der Corona-Krise: Thurgauer Regierungsrat erhöht den Kredit für den Ankauf von bildender Kunst für das Kunstmuseum Thurgau. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Gute Nachricht in komplizierten Zeiten: Der Thurgauer Regierungsrat des Kantons Thurgau hat den Kredit für den Ankauf von bildender Kunst für das Jahr 2021 einmalig um 50 000 Franken auf 150 000 Franken erhöht. Das geht aus einer Medienmitteilung des Kantons hervor.
Gemäss Kulturkonzept des Kantons Thurgau 2019-2022 gewährt der Regierungsrat der Ankaufskommission für bildende Kunst einen jährlichen Rahmenkredit von 100 000 Franken aus dem Lotteriefonds für Ankäufe von Werken Thurgauer Kunstschaffender.
Die Ankaufskommission des Beirates des Kunstmuseums Thurgau kauft für die kantonale Kunstsammlung regelmässig Kunstwerke an. Diese Ankäufe werden im Sinne der Kunstförderung unabhängig von den Ankäufen des Kunstmuseums getätigt. Die Kommission, bestehend aus Katharina Ammann, Alex Hanimann und Hans Jörg Höhener, wählt Bilder, Objekte und Installationen von Künstlerinnen und Künstlern aus, die im Kanton Thurgau wohnhaft sind oder einen engeren Bezug haben zum Kanton.
Notwendige Hilfe in Zeiten der Pandemie
Aufgrund der Coronapandemie und den dadurch erschwerten und verringerten Ausstellungsmöglichkeiten für Thurgauer Künstlerinnen und Künstler hat der Regierungsrat nun entschieden, den Rahmenkredit 2021 einmalig um 50 000 Franken auf insgesamt 150 000 Franken zu erhöhen. „Mit dieser Massnahme können Thurgauer Kunstschaffende zusätzlich unterstützt werden“, heisst es in der Mitteilung.
Die Ankaufskommission verfasst jeweils einen Bericht zuhanden des Regierungsrates über die getätigten Ankäufe. Im vergangenen Jahr wurden demnach für 90 300 Franken Werke von Othmar Eder, Renate Flury, Co Gründler, Reto Müller, Karin Schwarzbek und Cécile Wick für die kantonale Sammlung erworben.
Das sind die erworbenen Werke
Zwei Zeichnungen nach Motiven von Helen Dahm, 2019, je 80 x 141 cm, von Othmar Eder (* 1955 in Kufstein), lebt und arbeitet in Stettfurt. Dazu schreibt Markus Landert, Direktor des Kunstmuseum Thurgau: «In diesen Werken nutzt der Künstler eine seit Jahren angewandte Zeichentechnik, mit der er sich in seinem Alltag ge-fundene Bildmotive aneignet, vergrössert und so zu bedeutsamen Bildereignissen überhöht. Die Ausgangsmotive der zwei neu erworbenen Zeichnungen sind grafische Blätter aus dem wenig bekannten Frühwerk von Helen Dahm, die Othmar Eder in einer Ausstellung im Kunstmuseum entdeckt hatte. Für einmal aber – und dies ist neu in seinem Schaffen – kombiniert er mehrere Motive im gleichen Bild. Er überlagert die Landschaftsansichten Dahms mit der Fotografie von Klebestreifen am Fenster seines temporären Ateliers in Lissabon, jener Stadt, die er seit mehre-ren Jahren immer wieder besucht. Er verbindet so die Aneignung und Monumentalisierung der Bilder einer bewunderten Vorgängerin mit eigenen Eindrücken. Dadurch werden die Zeichnun-gen zu Modellen dafür, wie sich in der menschlichen Wahrnehmung Eigenes und Fremdes, Vergangenes und Aktuelles zu einer lebendig schillernden, neuen und eigenen Erfahrung verbindet.» Bild: Kunstmuseum Thurgau
Renate Flury (*1953 in Zürich), lebt und arbeitet in Weinfelden, Gemälde "Ohne Titel", 2017, Gouache auf Halbkarton, 148 x 148 cm Dazu schreibt Markus Landert: «Das von der Ankaufskommission erworbene Werk von Renate Flury war Teil der Ausstellung "Pinsel, Pixel und Pailletten – Neue Malerei" im Kunstmuseum Thurgau, die Anfang 2020 einen Überblick über die avanciertesten Positionen der Malerei im Thurgau gab. Ihre grossformatigenGemälde werden meist von einem Farbklang aus zwei oder drei Tönen dominiert. Fragile Formfragmente ziehen wie Wolkenfetzen im Sturm über den Himmel, Leerstellen hinterlassend. Es entstehen durchlässige Strukturen. Manchmal verschmilzt die Farbe auch zu weich und tiefenräumlich wirkenden Kratern – wie im angekauften Werk das Gelb mit einem dahinterliegendenGrau. Der Farbsog und die flirrenden Formen darüber suggerieren ständige Bewegung, doch ohne körperliche Anwesenheit, allein die Künstlerhand verweist noch auf eine solche. Eine gegenständliche Welt ist nicht auszumachen in diesen quadratischen Bildern, es sind rein energetische Räume und mentale Sphären. Im Spannungsfeld zwischen der Anwesenheit der malerischen Spur und dem Immateriellen findet eine spielerische Kommunikation mit anderen Wirklichkeiten statt.»
Skulptur auf Spiegelsockel, 2014, von Co Gründler (*1967 in Siebeneichen), lebt und arbeitet in Zürich. Dazu die Ankaufskommission: «Die Künstlerin arbeitet oft an der Schnittstelle zwischen Musik, Performance, Skulptur und Malerei. Dabei lässt sie den Betrachter durch die eingesetzten Materialien, die inszenierten Farb- und Lichtwirkungen in einen visuellen Rausch geraten. Ihre rätselhaft verspielten Objekte entführen in magische Welten, laden zum assoziativen Gedankenspiel ein und erinnern nur noch entfernt an allfällige Vorlagen in der sichtbaren Welt. So glitzern Gründlers Blumen metallig silbern, ihre riesigen Blüten aus geschäumten Kunststoffwürsten bilden wesenhafte Gebilde, die sich selbst im Spiegel zu betrachten scheinen. Es gibt kaum einen Werkstoff, den Co Gründler nicht für ihre Arbeit verwenden kann: Aus Beton, Ästen, Holzfaserplatten, Montageschaum, Draht und Klebeband entstehen zauberhaft filigrane Gebilde, deren Künstlichkeit ebenso faszinierend wie irritierend ist. Mit unerschöpflicher Neugierde lotet die Künstlerin die Möglichkeiten und Grenzen unterschiedlichster Materialien aus, experimentiert mit verschiedensten Techniken und bleibt dabei stets offen für das Ungeplante und Überraschende. Nicht nur der Blick wird von Gründlers fantastischer Welt magisch angezogen – am liebsten möchte man an ihren Objekten riechen, ihnen zuhören und sie berühren. Besonders deutlich zeigt sich dies in den skurril wirkenden Wandobjekten, in denen sich Farbe in unzähligen Möglichkeiten manifestiert: Sie schimmert, kräuselt, fliesst, leuchtet, tropft und weist als bildhafte Stofflichkeit über ihre realisierte Form hinaus. Mit solchen Bildern feiert Co Gründler die berauschende und verführende Kraft der Kunst.» Bild: Kunstmuseum Thurgau
Vier Zinnreliefs aus der Serie "Potentielle Normaliensammlung", 2017, von Reto Müller (*1984 in Stein am Rhein), lebt und arbeitet in Buch bei Uesslingen. Dazu heisst es: «Die Ankaufskommission des Beirats erwirbt von Reto Müller ein vierteiliges Zinnrelief aus der Werkgruppe der "Potentiellen Normaliensammlung". Unter diesem Titel entwickelte der in Buch bei Uessligen arbeitende Plastiker im Verlauf der letzten Jahre eine Serie von Arbeiten, in der er Gestaltungsmodelle der Moderne untersucht und hinterfragt. Die Theoretiker der Moderne gingen unter anderem davon aus, dass Materialgerechtigkeit, Funktionalität oder auch die Klarheit der Geometrie zwangsläufig zur "guten Form" führen müssten. Ausgehend von diesem Grundgedanken gestaltet Reto Müller aus Beton, Zinn oder gegossenem Basalt plastische Elemente und Reliefs, in denen er Erstarrungsprozesse und Normierung erprobt. Seine Befragungen des Modellhaften und Modularen führt allerdings zu irritierenden Objekten, die durch ihre Ambivalenz zwischen Relief, Skulptur und Bild die Modelle der Wahrnehmung nachhaltig irritieren.» Bild: Kunstmuseum Thurgau
Karin Schwarzbek (*1969 in Egnach), lebt und arbeitet in Zürich. Die Ankaufskommission erwirbt zwei Gemälde aus 2019 von ihr. Unter anderem das Bild "164 – 2019". «Hier kehrt Karin Schwarzbek die Schauseite des Gemäldes, das ein Blumenmuster zeigt, zur Wand und überzieht den Keilrahmen mit einem halbdurchsichtigen Futtertaft. Diese Konstruktion verleiht dem Objekt eine Körperlichkeit, die durch die taktil und visuell aussergewöhnlichen Oberflächen verführerisch wirkt. Die zart geblümte Oberfläche des einenStoffs wird als Gemälde wahrgenommen, weil der Keilrahmen sichtbar ist. Der darüber gespannte Taft verweist auf die Verführungskraft der Kunst, obwohl eine Naht wie eine Narbe aus einem früheren Leben die banale Materialität und Handwerklichkeit der textilen Produktion verrät.» Bild: Kunstmuseum Thurgau
Die Ankaufskommission erwirbt von Cécile Wick drei auf Leinwand belichtete Camera-obscura-Fotografien aus der Fotoserie "Gesichte". In der Erklärung der Ankaufskommission heisst es: «Die Kulturjournalistin Nadine Olonetzky beschreibt die 1986 entstandenen Werke als eine Übung in Konzentration und Anwesenheit vor der Kamera."Es sind mit der Camera obscura aufgenommene Selbstporträts auf Fotoleinwand, für die sich Cécile Wick drei, vier Stunden vor die Lochkamera legt: eine Bewegungsperformance oder vielmehr noch eine Stillhalteperformance. Das Licht sickert durch das feine Linsenloch in den Schwarzraum der Kamera und schreibt langsam das Bild ein in die lichtempfindliche Oberfläche des Fotopapiers. Zu sehen ist nicht allein das Gesicht, sondern – durch Mehrfachbelichtung –auch Zweige, Blätter, Wasser, Fenster, Böden, Steine, schattenhaft anwesend wie alles. Das Gesicht erscheint in einem beinahe vom Körper losgelösten Schwebezustand, als sei es selbst ein Gegenstand, der mittels Kamera beobachtet, über den Umweg Fotografie besichtigt wird. Es ist allerdings nicht auf Wiedererkennung angelegt, keine realistische Selbstdarstellung, sondern das Gesicht erhält durch die lange Belichtungszeit etwas Allgemeines, Überpersönliches. Es zeigt und entzieht sich, führt ein Eigenleben als Erscheinung, die den Horizont der üblichen Wahrnehmung ausdehnt. Verschmolzen mit Natur oder Architektur, wird es zuerst einmal selbst zur Landschaft, die erkundet werden kann – wie alles andere dieser Welt. Mit leicht geöffneten Lippen und geschlossenen Augen liegend, träumend, wirkt es in sich gekehrt, ohne sich von der Welt abzukehren. Es erscheint dabei ebenso gegenwärtig wie entrückt, lebendig wie tot, ebenso gegenständlich wie geisterhaft, naturverbunden wie künstlich, als sei die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, Licht- und Schattenreich aufgelöst, als sei dieses Gesicht im Übergangsgebiet zwischen Leben und Tod heimisch, ja stelle die transzendierende Verbindung dar von einer Welt zur anderen.» Bild: Kunstmuseum Thurgau
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