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von Christian Brühwiler, 18.06.2009

Ein „Trompe l’oreille“ für Romanshorn?

Ein „Trompe l’oreille“ für Romanshorn?

Christian Brühwiler

Vielleicht kennen Sie die Alte Kirche Romanshorn. Vielleicht waren Sie schon einmal an einem Konzert und genossen Musik in der aussergewöhnlich stimmigen Atmosphäre und der ausgezeichneten Akustik, vielleicht gehörten Sie zu einer Hochzeitsgesellschaft, vielleicht zu einer Trauergemeinde. Die Alte Kirche Romanshorn wird vielfältig genutzt.

Nach der Renovation erhielt die Alte Kirche eine mechanische Orgel. Es sollte kein besonders gutes Instrument werden. Weil der Unterhalt in den letzten Jahren vernachlässigt wurde, ist es sanierungsbedürftig, und die verantwortlichen Stellen beabsichtigen, das alte mechanische durch ein topmodernes elektronisches Instrument zu ersetzen.

Der zuständige Organist hat viele gute Argumente. Die neuen digitalen Orgeln seien technologisch unglaublich weit fortgeschritten. Der Hersteller habe in seinem Showroom eine konventionelle Orgel aufgebaut. Vier Pfeifen seien durch digitalisierte Klänge ersetzt, und es sei den meisten Spielern und Hörern unmöglich, die Unterschiede zu hören. Darunter seien auch sehr bekannte Organisten, und viele Koryphäen, die zum Blindtest eingeladen wurden, hätten den Test verweigert!

Er habe in der Alten Kirche Hochzeiten am Laufmeter zu spielen. Dabei seien nicht nur Buxtehude und Bach gefragt. Er freue sich darauf, die Augen beginnen zu leuchten, auch romantische Werke spielen zu können.

Ein neues gutes Instrument würde 500’000 kosten, ein digitales mit mehr Möglichkeiten etwa 130’000. 95% der Hörer würden keinen Unterschied bemerken, und schon gar keinen Unterschied sehen, denn das Gehäuse würde individuell den lokalen Verhältnissen angepasst. Es erwartet einen also nicht nur eine perfekte Ohrentäuschung, sondern auch ein „Trompe l’œil“.

Mein Misstrauen ist gross. Wenn Orgeln mittlerweile tatsächlich digital klonbar sind, ist dies für die Orgel an sich ein Armutszeugnis. Was macht die Qualität eines Instrumentes aus? Die Perfektion? Die exakte Reproduktion eines perfekten gesampleten Klanges? Die perfekte Addition perfekt gesampleter Klänge, die immer bitgenau gleich perfekt abgerufen werden, tagein tagaus?

Wie bei allen übrigen akustischen Instrumenten spielen wohl auch bei der Orgel physikalische, körperhafte Zusammenhänge und Gesetzmässigkeiten eine entscheidende Rolle. Wenn ein Organist laut spielen möchte, muss er beispielsweise Manuale koppeln, und die vielen zugeschalteten Register lassen die Tastatur spürbar schwergängiger werden. Laut spielen ist auf einer mechanischen Orgel ein Kraftakt, auf einer elektronischen ein Klacks. Die Wind- und Druckverhältnisse bei einer mechanischen Orgel sind beeinflusst von der Kombination der Register und der Anzahl der gedrückten Töne. Jede Pfeife ist ein sorgfältig intoniertes Einzelstück. Eine Orgel verändert sich durch Umwelteinflüsse, sie verstimmt sich und muss nachgestimmt und, nach Jahren, nachintoniert werden.

Diese subtilen Veränderungen und Unregelmässigkeiten sind nicht zufällig, sondern Ausdruck komplexer physikalischer Gesetzmässigkeiten. In ihrer Summe tragen sie entscheidend dazu bei, ob ein Klang als lebendig oder als klinisch-steril erlebt wird. Es sind gerade die Unregelmässigkeiten und Abweichungen von der Norm, die häufig die Essenz eines Klanges ausmachen, bei der Orgel genauso wie bei jedem anderen Instrument.

Es ist typisch für das Trompe l’œil, dass die Illusion nur aus einem ganz bestimmten Blickwinkel heraus funktioniert. Von der Seite ist es flach. Ähnlich stelle ich mir diese digitale Illusion vor. Die oben geschilderte Versuchsanordnung der Orgelbaufirma ist perfid. Ein echter Vergleich müsste komplette Orgeln an „Originalschauplätzen“ gegenüberstellen. Das wäre mit Sicherheit entlarvend.

Bei solchen Entscheiden ist jeweils die Rolle der Gutachter nicht zu unterschätzen. Sicher wären die Romanshorner Kirchgemeinden gut beraten, wenn auch noch andere Expertisen eingeholt würden. Es wäre nicht zuletzt auch fair, nicht nur teure Neulösungen der digitalen Variante gegenüberzustellen, sondern auch eine Totalrenovation des bestehenden Instruments z.B. durch einen jungen, qualifizierten Orgelbauer ins Auge zu fassen.

Darum hoffe ich, dass Romanshorn, der Alten Kirche, den Kirchenmusikern und nicht zuletzt den Hörern die immergleiche identitätslose, reproduzierte Perfektion einer digitalen Orgel erspart bleibt.

Und wenn die Sachzwänge, der Zeitdruck und das Geld doch für ein elektronisches Instrument sprechen sollten, dann bitte, bitte, kein Verpackungswunder, sondern eines ohne optisches Feigenblatt. Ein mobiles, modulares System aus Spieltisch, Klangmodul, Verstärker und Lautsprechereinheit, das nichts zu sein vorgibt, was es nicht ist. Das ist nicht nur viel, viel billiger, sondern auch viel, viel ehrlicher und viel, viel praktischer. Auf dieses Instrument entrichten wir dann die vorgezogene Recyclinggebühr, weil es nur eine Frage der Zeit ist, wann es als Sondermüll entsorgt werden muss.

***
Kommentar

Andreas Schweingruber | 19.06.2009, 11.24 Uhr
Wo er recht hat, hat er recht, der Autor. Besonders im letzten Abschnitt: Lieber eine elektronische Orgel, für die das Geld reicht, als gar keine. Dann ist aber auch jeder Kitsch unnötig und überflüssig: man muss nicht etwas vorgeben, das gar nicht so ist, wie es scheint. Es braucht ein Musikinstrument und keine Pseudo-denkmalpflegerischen Eingriffe.

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