von Manuela Ziegler, 03.07.2014
Ein Konstanzer Sittengemälde

Mit der Uraufführung von „Konstanz am Meer“ starten die ersten Sommerfestspiele in der Grenzstadt. Alles dreht sich ums historische Konzil, doch Schauplatz ist ein Wirtshaus. - Ein Himmelstheater.
Manuela Ziegler
Nicht mehr als eine Bretterbühne ist vor der Kulisse des altehrwürdigen Konstanzer Münsters aufgebaut. Darauf stehen die „Simpel“ Hintz und Kuntz, einen blauen Baldachin tragend und warten schon seit Stunden vergeblich auf die Ankunft des Königs. Nebel erschwert die Sicht. „Der König, der König“, ruft eine Frauenstimme aus dem Off. Ein Kanonenschuss kracht. Einige Premierenbesucher zucken beim Eintritt kurz zusammen und suchen dann schmunzelnd ihre Plätze auf. Es wird viel Pulver verschossen in diesem Theaterstück, einer Auftragsarbeit der Stadt Konstanz anlässlich des 600-Jahr-Konzil-Jubiläums. Der historische Stoff hat es in sich.

Das mittelalterliche Kirchentreffen entfacht vor allem eines: grosse Träume.
Rund zwei Dutzend Konzilsdramen wurden seit dem 16.Jahrhundert verfasst. Keines hat die Theaterwelt nachhaltig erreicht. Die Fassung „Ecce Constantia“ des tschechischen Dramatikers Pavel Kohout, ebenfalls eine Auftragsarbeit der Stadt, wurde aus inhaltlichen und formalen Gründen abgelehnt. Als „Flickenteppich der Geschichte“ bezeichnete es seinerzeit ein hiesiger Literaturwissenschaftler. Die historische Materialfülle war auch für das Autorenpaar Theresia Walser und Karl-Heinz Ott ein Knackpunkt. “Wir brauchten Mut, das angelesene Wissen wieder zu vergessen, um lebendig und künstlerisch frei zu arbeiten“, so Theresia Walser.
Im Rahmen der 2. Konstanzer Literaturgespräche erwähnte die Autorin eine erste Fassung am historischen Ort, dem Münsterinnern. Doch die Autoren wollten kein unspielbares Historiendrama entwerfen. Und so holen sie schliesslich das hoch aufgehängte Thema auf die Bretter herunter, wie sie für mittelalterliche Mysterienspiele charakterisch sind. Das profane Wirtshaus wird zum Mittelpunkt des Stücks – frei erfunden ebenso wie die Wirtin Martha Haefelin und ihre kleinbürgerlichen Gäste. Doch sie alle hätte es in der damaligen Konzilstadt geben können, so Walser.
Zeitlose Träume und Begierden
Also von unten rollen die Autoren das mittelalterliche Kirchentreffen auf, das eine Spaltung der Kirche verhindern sollte. Und dort, bei den einfachen Bürgern, entfacht es vor allem grosse Träume. Die rundliche Wirtin träumt, dass die „Weltdenker und Weltlenker“, an ihren spartanischen Tischen Platz nehmen. Und sie träumt weiter von ihrer eigenen Flotte vom Bodensee bis zu den Weltmeeren. Und mit ihr träumt die Kellnerin Selma, eine rothaarige Hübschlerin mit prallen Brüsten von Weinbergen von Überlingen bis Bregenz,
Kuntz träumt davon mit dem König nach Böhmen ans Meer zu gehen. Das über sich hinaus wachsen Wollende ist ihnen qua Menschsein eingepflanzt und wird durch das nahende Grossereignis mächtig angeheizt, ebenso wie es historisch der Fall war. Denn das Konzil war vor allem ein grosses Geschäft für Stadt und Umland. Rund 70000 Gäste wollten über vier Jahre hinweg verköstigt und belustigt werden. Spekuliert wurde dabei nicht zu knapp und die Wirtin bringt es auf den Punkt, wenn Sie meint: „Nur Schulden sind Gulden“. Das Bedürfnis des Bereicherns ist zeitlos aktuell“, meint Ott.

Derb, fromm, ungläubig und grausam zugleich: Ein Himmelstheater nennen die Autoren ihr Stück im Untertitel.
Die Gier treibt auch die historischen Figuren König und Papst an. Sigismund, Initiator des Treffens und Anwärter auf den Kaiserthron, ist mit Stirntolle eine Mischung aus Punk und modernem Vampir. Seine Gattin Barbara von Cilli, vollbusig und mit knallroten Lippen, führt ihn vor. „Die Welt will er retten, am Arsch der Welt, und hat dabei kein Geld im Sack“. Johannes XXIII. tritt mit dickem Bauch und tumb, verfressen, kränkelnd auf. Ein „Papst, Mörder, Päderast“ wie Sigismund ihm Volkes Stimme kundtut. Und ihn schliesslich mit dem Versprechen von Hus Widerruf erpresst. Die Figuren sind allesamt überzeichnet bis ins Burleske.
Grotesk mutet die Konzilsversammlung mit den Gesandten aus Ungarn-Osterreich, Italien, Frankreich und England an – oft als erster europäischer Kongress bezeichnet. Es hagelt Bibelzitate, Luther, Goethe, Schiller und Shakespeare, Hölderlin und gar Willy Brandt kommen zu Wort. „Es ist ein Spiel im Spiel, das auf beiläufige Weise die Zeitebenen durchmischt. Und es gibt bei uns auch das Theater im Theater, wie man es von Shakespeare kennt“, sagt Ott.
Hintergründiges Spektakel
So spielt Hintz vorm versammelten Wirtshauspublikum samt König und Papst die Bekehrung des Hl. Genesius, der im alten Rom vom Antichristen zum Gläubigen wird. Dabei erfährt er ein Erweckungserlebnis, das ihn zwar nicht zum Gläubigen macht, aber immerhin zu einem Anderen – ein Chance des Innehaltens, Nachdenkens in einem rauschhaft inszenierten Spektakel. Die intellektuellen Themen des Konzils werden ausgespart. “Wir hätten namhafte Theologen auftreten lassen müssen, die sich ohnehin lieber in der St. Galler Klosterbibliothek als in Konstanz aufhielten, argumentiert Walser. Auch die Sonderstellung des Thurgau als „Versorger“ der Feierlichkeiten bleibt unerwähnt. Dennoch ist den Autoren geschichtskundige, übermütige Unterhaltung gelungen.
Mehr als 40 Personen lenkt der Berliner Regisseur Johannes von Matuschka mit viel Tempo über die Bühne. Derb, fromm, ungläubig und grausam zugleich agieren die Gross- wie Kleinbürger. Hus Verbrennung war tatsächlich ein Volksfest. Gnadenlose Völlerei, mündet am Ende in einen Totentanz - der Lauf des Lebens. Ein Himmelstheater haben die Autoren ihr Stück im Untertitel genannt, und es so in die Nähe von Calderons Welttheater gerückt. Das Theater geht weiter... Ob dieses Bestand hat, und als Auftakt für Konstanzer Sommerfestspiele nachhaltig sein wird, muss sich zeigen. Das Publikum klatschte lange Beifall.
Das Stück
Das Stück „Konstanz am Meer“ von Karl-Heinz Ott und Theresia Walser ist eine Auftragsarbeit der Stadt Konstanz. Anlass war das 600-Jahr-Jubiläum des Konzils, das erste und einzige Kirchentreffen auf deutschem Boden, um die Spaltung der Kirche zu verhindern. Dies gelang, die Reform der Kirche und der Glaubenslehren jedoch scheiterten. Jan Hus und Hieronymus von Prag wurden als Ketzer verbrannt. Im Zentrum des Stücks steht nicht das Münster, indem einst die „Nationen“ tagten, sondern das erfundene Wirtshaus der Witwe Martha Haefelin. Hier gehen Kleinbürger, Hübschlerinnen, Trinker, Mägde, wie auch hohe Würdenträger ein und aus. Alle Figuren setzen Träume in die Welt, angeregt durch die Stimmung in der Stadt. Sie verstricken und verschulden sich masslos....
Die Autoren
Theresia Walser, 1967 in Friedrichshafen geboren, ist eine der zurzeit meistgespielten Dramatikerinnen. Sie erhielt mehrere Preise. 2013 wurde „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ in Mannheim uraufgeführt.Walser lebt zusammen mit Karl-Heinz Ott in der Nähe von Freiburg/Breisgau. Ott wurde 1957 in Ehingen/Donau geboren, und lebt nach mehrjähriger Theaterarbeit als freier Schriftsteller. Zuletzt erschien 2011 der Roman „Winzenried“. Gemeinsam entstand 2002) das Stück „Geierwally“, das in Konstanz aufgeführt wurde.
Aufführungen:
Sa 05.07., So 06.07., Mi 09.07, Do 10.07., Fr 11.07., Sa 12.07., Di 15.07., Mi 16.07., Fr 18.07., Sa. 19.07., So 20.07., Di 22.07, Mi 23.07., Do 24.07., Fr 25.07, Sa. 26.07., jeweils um 19 Uhr auf dem Münsterplatz Kontanz.
Information und Reservierung:
+49/(0)7531/900150 oder theaterkasse@konstanz.de

Von Manuela Ziegler
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