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von Kira Reiter, 20.04.2015

Durchzug junger Träume

Durchzug junger Träume
Neue Sicht auf „Der Zauberer von OZ“: Junges Theater Thurgau. | © Till Wietlisbach

Sieben Monate haben 14 Jugendliche hart am Theaterstück „Durchzug“ gearbeitet. thurgaukultur.ch besuchte eine der letzten Generalproben vor der Premiere am 24. April 2015 im Eisenwerk in Frauenfeld.

Kira Reiter

Das Stück basiert auf dem Buch „Der Zauberer von OZ“ und überträgt die Geschichte auf die Auseinandersetzung mit dem eigenen „Ich“ und das Entfliehen in ferne Welten. Die 13- bis 20-jährigen Teilnehmer des Junges Theater Thurgau-Projektes sind gespannt, wie ihre teils selbstmitgestaltete Umsetzung vor Publikum ankommen wird.

Die Ruhe vor dem Sturm

Kurz vor dem Durchlauf der Generalprobe merkt man, wie unglaublich wichtig den Schauspielern ihr Stück geworden ist. Sie sprechen aufgeregt miteinander, sitzen bei jenen, die sie beruhigen oder gehen auf sich konzentriert den Text durch. Manche streifen bereits die Maske ihrer Rolle über oder haben ihr „Ich“ bereits in der Garderobe gelassen.

Selbst als das Licht ausgeht, können sie ihr vorfreudiges Gemurmel auf den großen Tag kaum sein lassen. Doch sobald sich die Scheinwerfer auf die ersten Künstlerinnen richten, herrscht reine Professionalität – sie haben ja schliesslich alle jemanden stolz zu machen.

In einer anderen Welt: Nerea Brülisauer, Ronja Dierauer und Mattia Otto glücklich im Reich Ozopia. (Bilder: Till Wietlisbach)

In der ersten Szene bereits fühlt man sich in eine magische Welt entführt. Es sind nicht nur die kreativen Kostüme und das extreme Make-Up, nicht nur die Scheinwerfer und Projektionen, es ist das Herzblut der jungen Schauspieler, welches auf der Bühne zu sehen ist und auf der Haut kribbelt.

Eine andere Welt

Vielleicht liegt die Leidenschaft, mit der gespielt wird, auch an der Thematik des Stückes. Es geht um vier Jugendliche, die in einer Kleinstadt aufeinander treffen und sich zusammentun. Um dem Nicht-verstanden-werden, dem Festsitzen-an-einem Ort-der-nicht-Zuhause-ist zu entfliehen.

Wie auch Dorothy, die Hauptperson von „Der Zauberer von OZ“, finden sie sich jedoch bald weit fern von ihrem Kleinstadt-Bahnhof-Spiesserleben in dem fernen Reich Ozopia wieder und stossen dort auf die Anerkennung, die sie immer gesucht haben, aber auch den Schrecken, der ausserhalb ihrer Seifenblase existiert.

Gerade diese Anerkennung scheinen die 13- bis 20-Jährigen auf der Bühne gefunden zu haben. Vielen fiel es nicht schwer, sich in die Rollen hineinzuversetzen, da sie für sie so tief nachvollziehbar waren. „Da war Text lernen noch schwerer für mich“, meint die dreizehnjährige Sarah.

Soll Famina (Sara-Jane Demeulemeester, Mia Werner, Eric Scherrer) die Schokolade wirklich essen? "Du hast zugenommen", hallt die Stimme ihrer Eltern durch den Raum. Nichts wie weg hier!

Andere mussten erst über ihren Schatten springen, um vor Publikum aus sich herauszukommen. Die zwanzigjährige Delilah war von Anfang an dabei und interessiert an einer egozentrischen Rolle, um etwas Neues auszuprobieren. Egal wie ausgefallen oder tiefgründig die Rolle auch in der Umsetzung gewesen sein muss, auf der Bühne merkt man kein Schauspiel. Es ist, als seien die jungen Menschen tatsächlich in ihrer geheimnisvollen Scheinwelt. Jedes Gefühl hallt ins Publikum und fühlt sich echt an.

Alle zusammen

Einige der 14 Jugendlichen standen zuvor noch nie auf einer Theaterbühne, andere kamen durch Projekte oder Workshops des Jungen Theaters Thurgau in die Gruppe. Doch wie schafft man es, dass pubertierende Jugendliche mit solch einer Leidenschaft an sich und einem Stück arbeiten?

Die Leiterinnen des Stückes, Katrin Sauter und Ira Werner, haben es herausgefunden. Man lässt aktiv an allem mitarbeiten und gestalten. Alle zusammen ein Ziel – das war das Motto. Durch Improtheater tasteten sich die Schauspieler langsam zu einer Gestaltung des Stückes vor. Schliesslich wurden die besten Ideen zusammengetragen und aufgeschrieben.

Es ist nicht nur alles schöner Rausch im Reich von OZ: Die Hexen (Lya Friedrich, Delilah von Streng) kämpfen um Kopf und Verstand der Jugendlichen.


Auch dabei beteiligten sich einige der Jugendlichen. Bei den Rollen und Kostümen wurde auf die Wünsche der Schauspieler eingegangen. Während den Proben durften Vorschläge gebracht werden. Was ein junger Schauspieler zur Entfaltung braucht, ist, dass er mitgestalten kann, was er leisten muss. Auch dabei kann man über Grenzen schreiten. Dieser Prozess führte nicht nur zur optimalen Ausschöpfung des Talentes, sondern auch zu Freundschaften. - Neue Glücksmomente im Tagebuch junger Menschen.

Neue Sicht auf „Der Zauberer von OZ“

Am 24. April wird die Premiere im Eisenwerk sein. Sie gibt dem Zuschauer nicht nur die Möglichkeit, jungen Menschen den Moment der Anerkennung zu schenken. Sondern auch die Möglichkeit, ein professionelles Schauspiel zu erleben, welches eine völlig neue Sicht auf „Der Zauberer von OZ“ wirft. Die Möglichkeit, eine Zeit lang in ferne Welten und die Theaterbühne einzutauchen und den einzigartigen „Durchzug“ dieses Stückes zu erleben.

www.eisenwerk.ch

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