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von Roland Schäfli, 24.06.2026

Die Büchse der Pandora geöffnet!

Die Büchse der Pandora geöffnet!
Aus der Suche nach der Provenienz könnte im Museum Rosenegg bald eine Ausstellung über die Irrtümer der Vergangenheit werden. | © KI-generiert/rs

Museen sollten uns eigentlich Fragen wie «Woher kommt das?» beantworten. Das Kreuzlinger Rosenegg-Museum stellt die Frage: Wem gehört das? Eine riskante Strategie, wie das British Museum und die Kuratoren der Bührle-Sammlung wissen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Archive sind wie das Hölloch, diese Innerschwyzer Höhle, in der immer neue Stollen entdeckt werden. Jetzt macht sich auch das Kreuzlinger Museum Rosenegg auf, um die hintersten Winkel der Bestände zu erforschen. Wie der Museumsleiter erklärt, habe man «Objekte, von denen wir nicht alles wissen, was wir gerne wissen wollen.» Dieser Satz lässt aufhorchen. Üblicherweise sagen Museumsdirektoren nämlich, «was wir lieber nicht wissen wollen». Denn auch bei Kuratoren gilt die Faustregel: was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss. Hoffentlich wissen die in Kreuzlingen, was sie tun. 

Es kann nämlich passieren, dass sich frühere Besitzer melden. Der Mensch fordert ständig Dinge zurück. Die Ex will ihre Nacktfotos. Er den teuren Verlobungsring. Der Nachbar den Rasenmäher, den er vor einem Jahr ausgeliehen hat. Lance Armstrong glaubte, wenn man eine Olympia-Medaille kriegt, darf man sie behalten. Ganze Territorien werden zurückgefordert: Spanien hätte gern Gibraltar zurück, Argentinien die Falklandinseln, und ja, die Ukraine würde die Krim gebraucht zurücknehmen. 

 

Mehr zu den Plänen des Museum Rosenegg

Das Kreuzlinger Museum Rosenegg ist bei der Inventarisierung auf Gegenstände im Depot gestossen, deren Geschichten noch unerforscht sind. Bei einer Sonderausstellung erbitten die Museumsleute nun Hilfe von den Besuchenden. Möglicherweise liefern sie Puzzlestückchen, die das Bild vervollständigen. Den nachrichtlichen Bericht dazu gibt es bei uns im Magazin. Weiterlesen.

Wie war das nochmal mit dem St. Galler Globus?

Man denke im Kulturgüterstreit nur an den berühmten Zankapfel, den St. Galler Globus, im Landesmuseum Zürich stehend, aber ursprünglich zur Fürstabtei St. Gallen gehörend. Zürcher Truppen nahmen ihn 1712 während des Toggenburgerkriegs mit, ein frühes Beispiel für den Vandalismus der Zürcher Hooligans. 284 Jahre später forderte St.Gallen die Rückgabe. Zürich behielt den Originalglobus und St.Gallen begnügte sich mit einer originalgetreuen Kopie. Was die Zürcher bis heute für grosszügig halten. Und was zeigt, dass wir gegenüber Zürich nicht nur beim SBB-Ausbau beschissen werden.  

Was steckt bloss in diesem herrenlosen Koffer?

Nun haben aber die Kreuzlinger ihre Büchse der Pandora geöffnet. Und auch gleich einen Koffer gefunden, dessen ursprünglicher Inhaber sich nicht mehr eruieren lässt. Ein abgestellter Koffer? Heutzutage würde die Security das Gebäude räumen und die Bomben-Experten rufen. Doch wenn sich nun im ominösen Koffer überraschende Funde finden? Schriftstücke, die das Licht der Welt wahrscheinlich nicht mehr sehen sollten, vielleicht Hinterlassenschaften lange vergessener Thurgauer Institutionen? Dann wollen wir diese bislang noch fiktiven Funde hier geschichtlich einordnen. 

 

«Alles unter einem Dach – wir sind das Warenhaus der Zukunft!»

Werbeplakat der EPA Arbon (die verantwortliche Werbeagentur spezialisiert sich heute auf Zwischennutzungen leerstehender Warenhäuser)

«Persönliche Bedienung bleibt auch im Jahr 2000 das Erfolgsrezept des Detailhandels.»

Ansprache des USEGO-Filialleiters Kreuzlingen an die Belegschaft, 1996 (der Redner verliess den Detailhandel später und eröffnete einen der ersten Online-Shops)

«Dank grosszügiger Platzverhältnisse sind Verkehrs- und Parkplatzprobleme auf lange Sicht nicht zu erwarten.»

Standortbroschüre Frauenfeld, 1972 (der zuständige Stadtplaner wohnte in Gehdistanz zu seinem Arbeitsplatz)

 

«Im Dienste unserer Kunden: Samstag neu bis 12 Uhr geöffnet!»

ABM Arbon, Inserat in der Tageszeitung «Thurgauer Volksfreund», 1985 (die Verlautbarung löste bei der Gewerkschaft die historisch erste Diskussion über Work-Life-Balance aus)

«Warum der Versandhandel keine Zukunft hat»

Öffentliche Veranstaltung der Thurgauer Detaillistenvereinigung, 1985 (der damalige Referent bestellte kürzlich eine Lesebrille auf Galaxus).

«Ihre DIAS – für die Ewigkeit»

Plastiksack mit Aufdruck eines Weinfelder Fotofachgeschäfts (der letzte Inhaber der insolventen Firma besitzt noch immer drei funktionierende Diaprojektoren und gilt deshalb als wichtiger Zeitzeuge)

«Fernsehen: Gefahr für die Lesekultur?»

Vortrag in Volkshochschule Kreuzlingen (der Termin wurde mangels Teilnehmern abgesagt, weil er auf eine Ausstrahlung von «Teleboy» fiel).

«Die Ansiedlung eines Schnell-Ess-Betriebs des amerikanischen McDonalds-Konzerns ist nicht zu erwarten, da die Thurgauer Bevölkerung traditionell lieber zu Hause isst.»

Internes Memo des Frauenfelder Stadtrats, 1995 (es war geschrieben auf die Papierserviette eines Hamburger-Betriebs). 

«Ihre Daten sind bei uns auf Mikrofilm sicher archiviert.»

Filialleiter Schweizerischer Bankverein (SBV), Niederlassung Frauenfeld, in der Beantwortung eines besorgten Leserbriefs in der «Thurgauer Arbeiterzeitung AZ», 1985 (der Leserbrief liegt heute nicht mehr vor, er wurde versehentlich digitalisiert)

«Das öffentliche Telefonnetz – die Kommunikationslösung des 21. Jahrhunderts.»

Blechschild: Slogan der PTT in Thurgauer Telefonzellen (der zuständige Chefbeamte musste im Callcenter der Swisscom Anrufern erklären, warum die Telefonzellen entfernt werden)

«Computer sind eine vorübergehende Modeerscheinung»

Handzettel eines Kreuzlinger Schreibmaschinenhändlers mit Hermes-Vertrieb, 1980 (er verfasste seine Memoiren später auf einem Laptop)

 

«Kinder werden wegen Taschenrechnern noch das Rechnen verlernen!»

Besorgte Schulbehörde Kreuzlingen in einem Elternbrief, 1979 (die gleiche Behörde wendet sich heute besorgt an die Eltern wegen des KI-Konsums der Kinder)

«Die Zukunft gehört dem Lastwagen.»

Saurer Arbon, Jubiläumsschrift 1965 (der zuständige Redaktor wechselte später in die Stickmaschinen-Branche)

«Dieses Hallenbad genügt den Bedürfnissen der nächsten 100 Jahre.»

Eröffnungsrede 1973 Hallenbad Egelsee, Kreuzlingen (der gleiche Architekt wurde reich mit seinem Konzept, Parkplätze auf Vorrat zu bauen)

«Lange Haare entsprechen nicht dem Erscheinungsbild eines Turners.»

Protokoll der Hauptversammlung Thurgauer Turnverein, 1968 (der Vorstand wollte dies ausdrücklich nicht als Modefrage verstanden wissen, sondern als Sicherheitsmassnahme beim Barren- und Reckturnen)

 

«Frauen bleiben vom Aktivverein ausgeschlossen.»

Protokoll der Hauptversammlung Thurgauer Schützengesellschaft, 1968 (der Antrag wurde einstimmig angenommen. Was bei der damaligen Zusammensetzung des Vereins keine allzu grosse Überraschung war)

«Kein Bildschirm wird je die Magie des gemeinsamen Filmbesuchs ersetzen können.»

Programmheft des Kinos Apollo, Kreuzlingen, 1975 (diese lokale Geschichte soll demnächst von Netflix verfilmt werden)        

Bei genauerer Betrachtung dieser Zeitkapsel braucht Kreuzlingen sich bezüglich Rückforderungen wohl keine Sorgen zu machen. Die früheren Besitzer dürften ihre Zukunftsprognosen kaum zurückhaben wollen. 

 

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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

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