von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 04.06.2018
Was Kulturförderung soll - und was nicht

Manche Leute verwechseln Kulturförderung immer wieder mit Wirtschafts- oder Tourismusförderung. Warum nichts falscher sein könnte als das.
Man hört das neoliberale Gerede von der Kultur als weichem Standortfaktor einer Region ja immer wieder. In dieser Vorstellung ist die Kultur vor allem eines - ein Instrument der Politik zur Attraktivitätssteigerung eines Landstrichs. Es ist unbestritten, dass Kultureinrichtungen oder -initiativen eine Gegend attraktiver oder lebenswerter machen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie viel Kulturschaffende von diesem vergifteten Lob aus der Politik kosten sollten. Denn: Schlucken sie zu viel von dem Gelaber, machen sie sich zum Dienstleister der Politik für ein optimiertes Leben. Sollte Kunst und Kultur aber nicht eigentlich mal mehr sein als das?
Das Gute. Wahre. Schöne?
Wir müssen an dieser Stelle nochmal darüber reden wegen eines Falles aus St. Gallen. Das dortige Amt für Kultur schickt sich an, dem Open-Air-Musical-Spektakel auf der Walensee-Bühne die Gelder zu streichen. Bislang gab es 120.000 Franken für die Produktionen, jetzt hat die Kulturverwaltung aber genug - zu wenig Innovation, zu wenig Regionenbezug, zu viel Stangenware, bescheinigte sie den Machern. Für die Veranstalter mag man das bedauern, aber die eigentliche Geschichte ist eine andere: Die Entscheidung hat bei Stefan Millius, Chefredaktor der neuen Wochenzeitung „Die Ostschweiz“, für erhöhte Schnappatmung gesorgt. In seinem Beitrag schäumt er, dass es bei der Zuteilung der Lotteriefonds-Gelder selten darum gehe „die Strahlkraft des Kantons gegen aussen zu verstärken. Während die Walensee-Bühne seit Jahren ein hervorragender Botschafter und damit Werbeträger für die Region ist, sind einige der berücksichtigten Gesuche bestens dazu angetan, schnell wieder vergessen zu werden.“
Warum sollte der Staat für etwas bezahlen, was ohne sein Zutun läuft?
In diesen Sätzen steckt das exemplarische Missverständnis von dem was Kulturförderung sein soll. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Kulturförderung soll Kultur fördern. Kategorien wie „Strahlkraft des Kantons verstärken“, „Botschafter“ und „Werbeträger“ spielen aus guten Gründen untergeordnete Rollen bei der Vergabe von Kulturfördermitteln. Käme das eines Tages anders, wäre dies das Ende von Kulturförderung. Dann gäbe es nur noch Wirtschafts- beziehungsweise Tourismusförderung. Kann man machen, aber dann würde eben nur doch das gefördert, was sich potenziell gut verkauft, Nischenprodukte hätten keine Chance mehr. Kulturförderung will aber genau das: Projekte möglich machen, die sich allein über den Markt nicht finanzieren lassen. Sie will die (finanziell) Schwachen stark machen. Das Millius-Modell von „Kulturförderung“ will die Starken nur noch stärker machen. Ein fragwürdiges Modell: Mit welchen Argumenten könnte man öffentliche Mittel für kommerziell erfolgreiche Produktionen einsetzen? Oder anderes gefragt: Warum sollte der Staat für etwas bezahlen, was auch ohne sein Zutun läuft?
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin sehr für so etwas wie Subventionsgerechtigkeit. Also dafür, dass nicht nur Besucher einer bestimmten kulturellen Sparte in den Genuss staatlich vergünstigter Tickets kommt. Die Spielarten von Kultur sind so vielfältig und divers, wie es ihr Publikum ist. Kulturförderung muss das berücksichtigen, will sie kein Akzeptanzproblem bekommen. Schaut man in die Listen der beispielsweise im Thurgau von Kulturstiftung oder Kulturamt geförderten Projekte, kann man da vielleicht vieles herauslesen. Aber eines sicher nicht: Dass einseitig gefördert würde. Insofern scheint das aktuelle Modell der Kulturförderung allemal gerechter als eines, das die Popularität von Themen in den Mittelpunkt stellt.

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