31.10.2012
BEAMTENLATEIN

Brigitta Hochuli
Die Thurgauer Kantonsverwaltung schmückt ihre Stelleninserate neuerdings mit knalligen Überschriften. So sucht das Amt für Volksschule eine wissenschaftliche Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter unter dem Motto „BEAMTENLATEIN – Bei uns sprechen wir Klartext.“
Im Klartext heisst das, dass ein Bewerber oder eine Bewerberin Beamtenlatein beherrschen muss. Toll, denke ich. Angesichts der Tatsache, dass es an den Gymnasien immer weniger Lateinschüler gibt und an der Universität Zürich in drei Studiengängen deshalb das Lateinobligatorium aufgehoben werden soll, ist das ein vorbildlich antizyklisches Verhalten!
Aber was ist eigentlich Beamtenlatein? Gab es zur Zeit der Römer überhaupt Beamte? Ich habe beim Spezialisten nachgefragt. René Imesch war nicht nur langjähriger Rektor der Kantonsschule Kreuzlingen, sondern nebenbei leidenschaftlicher Altphilologe und übrigens ein Humorist. So denkt er beim Stelleninserat zuerst an Kulinarisches wie Küchen- oder Jägerlatein. Und nein, Beamte im Sinn der modernen Staatsverwaltung habe es nicht gegeben, nur verschiedene Ämter für einzelne politische Aufgaben wie quaestor, aedilis, tribunus und plebis. Den Inhaber eines solchen Amtes habe man magistratus genannt, was auch die Bezeichnung für Behörde gewesen sei. Philosopieren könnte man allenfalls über die etymologischen Wurzeln der Wörter magistratus und minister, meint Imesch weiter und lacht: „Das Erste stammt von ,magis‘ = mehr, grösser; das Zweite von ,minus‘ = weniger, kleiner!“
Nun, das Amt für Volksschule sucht weder einen Grösseren noch einen Kleineren. Und auch keinen quaestor als Gehilfen des Konsuls, keine aediles als Verkehrs- und Marktaufseher und schon gar keinen „Volkstribun“ als Vertreter der Plebejer (mit Veto-Recht übrigens!). Die Volksschule braucht nur eine wissenschaftliche Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Ich hoffe, dass sie oder er nicht nur Lateinkenntnisse hat, sondern vorallem gesunden Menschenverstand.
***
P.S.: BEAMTENLATEIN ist nicht die einzige Schlagzeile der Kampagne. Unter dem Motto BEWEGLICHKEIT sucht der Kanton eine Logopädin; wohl weil da Jobsharing möglich ist. LANDLUST muss verspüren, wer eine Stelle als Sozialpädagoge im Massnahmenvollzug haben will. Und JONAGOLD ist die neuste Errungenschaft aus dem inserierenden Kanton Thurgau, der eine Goldgrube sei – privat und beruflich. Mit Jonagold wird belohnt, wer sich als ServiceDesk-Mitarbeiter mit Spezialaufgaben eignet – für die Ämter und und ihre Anstalten.
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Kommentar zu «BEAMTENLATEIN»
Urs Graf | 14.11.2012, 11.45 Uhr
zum Thema “BEAMTENLATEIN”: Über Erfindungsgeist und Kreativität in der “Amtssprache” stolpere ich auch regelmässig: siehe Graf’s Kommentare auf www.ursgraf.ch
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