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von Alex Bänninger, 22.11.2014

Ammann for President

Ammann for President
"Traditions- und Kulturverlust": Nicht überall macht sich der Thurgau damit Freundinnen. | © Tom Werner

Am 31. Mai 2015 um Mitternacht sinken die Thurgauer Gemeindeammänner ins Grab der Geschichte und auferstehen sofort als Gemeindepräsidenten. "Ammann for President" ist nur noch eine Frage der Zeit.

Alex Bänninger

Aus dem "Gemeindeammann" als Kombibezeichnung für Mann und Frau werden in Bälde zwei sauber nach Geschlecht getrennte Amtsbezeichnungen, nämlich der "Gemeindepräsident" und die "Gemeindepräsidentin" sowie folgerichtig der "Stadtpräsident" und - wenn es die Wählerinnen und Wähler dereinst wollen - die "Stadtpräsidentin". Bevor wir die Neuerung freudig begrüssen, verdient der altehrwürdige "Ammann" ein freundliches Abschiedswort.

Verlust von Tradition und Kultur

Seit dem frühen Mittelalter heissen die Inhaber eines wichtigen Amtes "Ammann", berufen von Königen und anderen adligen Herrschaften, um Grundzinsen einzutreiben, den Marktfrieden zu sichern, Klöster zu beschützen oder die niedere Gerichtsbarkeit auszuüben. Wurden die Ammänner während Jahrhunderten von oben eingesetzt, kamen sie in der Neuzeit mit der sich entwickelnden Demokratie mehr und mehr durch Volksentscheid in ihr Amt. Auch im Thurgau bis auf unsere Tage.

800 Jahre lang trotzte im deutschsprachigen Europa der "Ammann" einerseits dem staatlichen Wandel von der absoluten Monarchie bis zur republikanischen Demokratie und anderseits den funktionalen Veränderungen vom Marktpolizisten bis zum Gemeindeoberhaupt. Der Ammann blieb - mal gefürchtet, mal geschätzt - Respektsperson. Wohl auch darum, weil der Titel Charakter zeigt, einzigartig ist und senatorische Würde ausstrahlt.

Mit seiner Entsorgung verlieren wir ein Stück Tradition und Kultur. Wie eine Dampfwalze drückt die Gesetzgebungsmaschine den geschichtlichen Boden flach. Immer wieder fallen wir auf die Gleichmacherei als erstrebenswert moderne Tugend herein. Besser wäre, unseren Spott über die EU und ihre Normierung der Gurkenkrümmung als Warnung nie zu vergessen.

Es sei hier dem "Ammann" und der "Frau Ammann" ein schöner grosser Kranz geflochten. Er macht nichts mehr lebendig, es sei denn die Erinnerung an eine einst stolze Titulierung.

An den Haaren herbei gezogen

Obwohl es für Ihre Abschaffung vielleicht zwingende Gründe gibt, finden sich in der regierungsrätlichen Botschaft nur Gründe, aber keine zwingenden. Eines der als wesentlich aufgeführten Argumente lautet, der "Gemeindeammann" sei den Zuzügern in den Thurgau fremd und im ausserkantonalen wie ausländischen Verkehr erklärungsbedürftig. Na und?

Wenn schon, dann müsste für Zuzüger auch verwirrend sein, dass im Thurgau das kantonale Parlament "Grosser Rat" heisst, seine Mitglieder aber "Kantonsräte" sind. Die Zürcher sprechen identisch von "Kantonsrat" und "Kantonsräten". In der Stadt Bern arbeitet die Exekutive atypisch als "Gemeinderat", die Legislative als "Stadtrat"; was auch Neu-Berner unbernisch rasch begreifen. Appenzell Innerrhoden lockt Zuzüger scharenweise an, obzwar die uralte Regierungs-Terminologie mit "Standeskommission", "Stillstehendem Landammann", "Säckelmeister" und "Landesfähndrich" fremde Ohren enorm irritieren müsste.

In den internationalen Beziehungen, die unsere Gemeinden pflegen, dürfte sich die Erklärungsnot insofern in engen Grenzen halten, als der Kreuzlinger Stadtammann und der Konstanzer Oberbürgermeister zweifellos stets wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Schwachbrüstige Argumente

Als Frauen endlich auch an die politische Gemeindespitze gelangten, setzte sich als Titel so einfach wie elegant "Frau Gemeindeammann" durch. Das war deckungsgleich mit "Madame le Syndic" und "Madame le Maire" im französischen Sprachraum. Inzwischen vertreten Regierungsrat und Grosser Rat die Meinung, "Frau Gemeindeammann" verletze das Gebot der "geschlechtergerechten Formulierung", was in der Mehrzahlbildung "Frauen Gemeindeammänner" besonders deutlich werde.

Dieser Beweis fällt nach kurzem Nachdenken in sich zusammen, weil der protokollarische Plural von "Frau" nicht "Frauen" heisst, sondern "Damen". Die im Sinne der Gleichstellung verlangte Abkehr vom "Ammann" lässt überdies ausseracht, dass sich der Begriff nicht auf den Mann bezieht, sondern aufs Amt, und "Mann" etymologisch umfassend "Mensch" bedeutet. Diese Spur ist noch sichtbar in "man", "jemand", "niemand" und "jedermann", welche Pronomen sowohl weibliche als auch männliche Menschen einschliessen.

Emanzipation als Nebenprodukt

Auf den ersten Blick ist die politische Korrektheit mit der Umwandlung des "Ammanns" in "Präsident" erfüllt, weil sich daraus harmonisch die "Präsidentin" ergibt. Doch die emanzipatorische Rechnung geht nicht ganz auf. Denn gemäss regierungsrätlicher Botschaft soll der "Ammann" in erster Linie zum alten Eisen geworfen werden, weil sich der Thurgau von einer Bezeichnung befreien will, die ausserhalb des Kantons als verschroben und nebulös gelten könnte. Das ist auf Kosten des Selbstbewusstseins unnötiges Standortmarketing und keine frauenpolitische Glanzleistung.

Lediglich in zweiter Linie und als Nebenprodukt der Aufräumaktion wird das Gleichstellungsgebot beachtet - und erst noch als maskuliner Sündenfall. Die - vermeintliche - Diskriminierung wird nicht etwa aufgehoben, weil sie Punkt und Schluss ungehörig ist. Ihre Beendigung versteht sich gerade mal als gnädige Verbeugung vor jenen Frauen, die hart arbeiten mussten, um im höchsten Gemeindeamt zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Das dauerte zwanzig Jahre. Normalität ist eben nicht die natürlichste Sache der Welt, sondern noch immer nur zu haben, wenn die Frauen für sie kämpfen.

Mit dem Bedauern über den Traditions- und Kulturverlust lassen wir die herausragenden "Gemeindeammänner" in der Masse der "Präsidenten" und "Präsidentinnen" verschwinden, um von dort aus, so hoffen wir doch sehr, den Thurgau wie bis anhin gut zu regieren.

 

***

Zum Thema:

Von Amtfrauen und Frisierpersonen - thurgaukultur.ch vom 10.10.2012

 

KOMMENTAR *

 

von schiesser・vor 2 Jahren

 

"Frau Gemeindeammann" klingt nicht, als ob die Angesprochene Chefin der Gemeinde sei, sondern als ob sie die Frau des "Gemeindehäuptlings" wäre. So wie früher jeweils die Titel der Männer einfach auf deren Angetraute ausgedehnt wurden - von der "Frau Doktor" bis zur "Frau Feuerwehrhauptmann". "Gemeinde-" oder "Stadtpräsidentin" ist als Funktionsbezeichnung dagegen eindeutig. "Ammann" ist zwar eine Bezeichnung, die früher eine klare Bedeutung hatte - nur kennt die heute praktisch niemand mehr. Also wird jetzt die altbackene Bezeichnung modernisiert - und ich finde das gut so.

 

 

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