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Letzter Vorhang im Scala

Letzter Vorhang im Scala
Tatort Scala: Schauspielerin Eva Mattes (vorne links) bei den Dreharbeiten (im November 2016) mit Douglas Wolfsperger (ganz rechts im Bild) zu seinem Dokumentarfilm über das Aus für das Arthouse-Kino. Jetzt steht fest, wann der Film in die Kinos kommt. | © Michael Lünstroth

Vor gut einem Jahr hat der Kampf um das Scala begonnen. Die Investoren haben längst gewonnen, die Filmkunst verloren. Am Mittwoch, 30. November, ist nun endgültig Schluss mit anspruchsvollem Kino an diesem traditionsreichen Ort. Ein traurig-wütender Abgesang.

Von Michael Lünstroth

Warum sollte das Ende auch anders sein als der Anfang? Mit einem schnöden Aushang hat der Konstanzer Kinobetreiber Detlef Rabe vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass das Scala-Kino nun schon früher schliesse als geplant. Also nicht erst am 31. Dezember, sondern schon bereits am 30.November. Rabe hat in der ganzen Zeit nie für diesen Standort - mitten im Herzen der durchkommerzialisierten Innenstadt von Konstanz - gekämpft. Insofern darf man wohl davon ausgehen, dass der Kinomanager ganz froh ist, wenn nach all den Debatten, all den Auseinandersetzungen nun endlich Schluss ist mit dem ganzen Spuk. 

Bezeichnend ist in der Sache auch, dass nicht Rabe das Abschlussprogramm zum letzten Tag des Scala bekannt gegeben hat, sondern die Bürgerinitiative "Rettet das Scala!" diese Daten für alle Interessierten zusammen getragen hat. Der Vorstellungs-Tag beginnt um 16.15 Uhr passend mit dem Film "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis". Diese Überschrift hätte man auch über die gesamte Scala-Debatte schreiben können. Die letzten drei Filme, die je über diese Leinwand laufen werden sind Ken Loachs neuer Streifen "Ich, Daniel Blake" (20.30 Uhr), Woody Allens "Café Society" (21 Uhr) und "Amerikanisches Idyll" (20.45 Uhr) von Ewan McGregor. Auch der Dokumentarfilmer Douglas Wolfsperger wird an diesem Abend in Konstanz sein und einige Sequenzen für seinen Film "Das Projekt Scala" drehen

Diashow von den Dreharbeiten mit Eva Mattes Anfang November.

 

Die Bürgerinitiative trägt Trauer an diesem Tag. "Das wird ein bitterer Moment werden", sagt Eugen Kurz, Sprecher der BI. Lange haben sie für das Kino gekämpft, am Ende ohne Erfolg. Nun zieht im Laufe des nächsten Jahres eine dm-Filiale hier ein. Es wird dann der fünfte Laden des Drogeriemarktes in der Stadt sein. Wenn er einen Wunsch frei hätte, sagt Eugen Kurz, dann würde er sich vor allem dieses wünschen: Dass möglichst viele Menschen am 30. November ins Scala gehen und Abschied nehmen. Denn danach wird es greller.

Das Programm des Scala soll nach Wünschen des Betreibers ins Multiplex-Kino CInestar im Einkaufstempel Lago ziehen. Bislang werden dort vornehmlich bunte, knallende und laute Blockbuster-Streifen gezeigt. Passt das Scala da überhaupt rein? Und wie soll das gehen, wenn man statt drei künftig nur noch einen Saal zur Verfügung hat? Betreiber, Investor und Politik haben lange vorgegaukelt, dass doch alles beim Alten bliebe. Lediglich der Standort ändere sich. Jaja. Tatsächlich dürfte sich einiges ändern. Die Vielfalt des Programms wird mit grosser Sicherheit leiden, die leisen Kunstfilme werden in der Crash-Boom-Bang-Atmosphäre des Multiplex-Irrsinns eine maximal geduldete Randexistenz führen. Selbst die angekündigten Pläne von Detlef Rabe werden daran wenig ändern.

Umzug in die grelle Crash-Boom-Bang-Welt des Multiplex-Irrsinns

Bereits vor Monaten hatte er erklärt: "Um weiterhin ein möglichst umfassendes Programm bieten zu können, planen wir einen früheren Spielbeginn und starten künftig bereits täglich um 14 Uhr, sonntags sogar bereits um 11.45 Uhr. Zum Teil wird es dabei zwar zu verkürzten Laufzeiten einzelner Filme kommen, aber da wir ja häufig auch nicht ausgelastete Vorstellungen haben, wird jeder Besucher trotzdem Tickets für den Film bekommen, den er sehen möchte." Bei besucherstärkeren Filmen biete sich außerdem die Möglichkeit, diese dann in weiteren Sälen des Cinestar zu zeigen, so Rabe damals weiter.

Man wird sehen, was von diesen Ideen übrig bleibt. Die frühere Schliessung seines Filmpalastes hatte Detlef Rabe übrigens mit einem üblichen Zuschauerrückgang im Dezember begründet. Das Interesse vieler Menschen liege in dieser Zeit eher beim Weihnachtsmarkt statt beim Arthouse-Kino. Wahrscheinlich näher an der Wahrheit liegt das, was Rabe im folgenden Satz schreibt: Dass durch den früheren Auszug des Kinos auch die Umbauarbeiten in dem Haus früher beginnen können. Nicht auszuschliessen, dass der Investor hier noch ein weiteres Mal Druck gemacht hat, um seine Vorstellungen durchzusetzen.

Schmalzig, aber nach all den Nicht-Handlungen der vergangenen Monate eher unglaubwürdig, verabschieder sich Rabe so von dem Standort. "Die Zeit des Scala-Kinos an der Konstanzer Marktstätte wird für uns immer eine sehr besondere und wertvolle Zeit bleiben. Mit den guten Energien dieser unvergesslichen Zeit werden wir engagiert das Filmprogramm im "Scala im Cinestar" weiterleben lassen."

Nochmal kurz zur Erinnerung: Jener Detlef Rabe hatte sich am Ende auch noch mal einen Namen gemacht, als er die Dreharbeiten des renommierten Dokumentarfilmers Douglas Wolfsperger im Kino untersagte. Gut möglich, dass er in dem Film, der im Herbst 2017 in die Kinos kommen soll, eine besonders liebevolle Würdigung erhält...

 

Die Finanzierung des Dokumentarfilms über das Ende des Scala-Kinos ist noch nicht ganz abgesichert. Wer das Projekt unterstützen möchte, findet hier Möglichkeiten: http://www.scala-film.de 

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