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von Rolf Müller, 21.01.2015

Archaischer Mond-Schtein

Archaischer Mond-Schtein
Schein mit Stein: Bildhauerin Veronika Dierauer mit Kunstwürfel. | © John Dierauer

Der städtische Kunstwürfel auf der Wiese vor dem Schloss Frauenfeld birgt neu einen abends illuminierten Kunststein der Bildhauerin Veronika Dierauer. Er soll die Betrachtenden berühren, sagt sie.

Rolf Müller

Ein Stein im Würfel. Was tut er da?

Veronika Dierauer: Der Kunstwürfel wird vom Amt für Kultur als Plattform für Künstler zur Verfügung gestellt. Ich wurde zur Ausstellung angefragt und freue mich sehr darüber. Der Leuchtstein, ein sogenannter 'Schtein' - abgeleitet von Schein und Stein -, ist eine meiner jüngeren Arbeiten. Der Standort beim historischen Museum passt sehr gut; so, wie das Schloss schon viele Jahrhunderte kommen und gehen sah, hat ein Stein in der Vergangenheit genauso ausgesehen wie heute.

Wie sind Sie als gelernte Steinbildhauerin vom echten auf den Kunststoffstein gekommen?

Stein ist immer einzigartig, die Arbeit daran eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Aber er hat auch Nachteile. Man muss sich seiner Natur anpassen. Kommt hinzu, dass ein Stein sehr schwer, der Transport immer eine logistische Herausforderung ist. Beim Kunststoff reizen mich die gestalterischen Möglichkeiten. Polyester erlaubt viel Formfreiheit, ist leicht und trotzdem sehr stabil. Das Spiel mit dem Licht kommt noch dazu...

Was hat ein Kunststein, was ein richtiger nicht hat?

Ein surreales Element. Beim ersten Hinsehen nimmt man die Form oft erst als gewöhnlichen Stein wahr... aber spürt doch, dass es etwas anderes ist, vor allem nachts, wenn die Beleuchtung zur Geltung kommt.

Und gleichzeitig meditativ. Glauben Sie, dass sich das auf die vorbeieilenden Passanten und die Autofahrer im endlosen Blechstrom vor dem Schloss überträgt?

Ich hoffe es. Mein Ziel ist es, mit meinen Arbeiten die Betrachtenden emotional zu berühren. Je nach Objekt kann das aufreibend, fragwürdig, grenzgängig oder wie beim Leuchtstein erdend und faszinierend sein.


Wie würden Sie selbst die Wirkung ihrer „Schteine“ beschreiben?

Die Form der Steine erinnert an unseren Ursprung. Mich fasziniert der beleuchtete Stein. Er hat von der Optik her etwas von der Struktur des Mondes. Zum Träumen anregend.

Wie aufwendig ist ein „Schtein“ in der Produktion?

Für jeden der vier erhältlichen Steingrössen habe ich eine Negativform gefertigt. Das jeweilige Objekt wird mit Polyester laminiert und mit mehreren Schichten Glasfasermatten verstärkt. Jedes Stück ist ein Unikat. Dann kommt noch das Licht dazu. Neueste LED-Technik.

 

Leuchtsteine im Kunstwürfel

Seit kurzem ist im städtischen Kunstwürfel vor dem Schloss Frauenfeld das Werk „Schtein – Schein mit Stein“ von Veronika Dierauer zu sehen. Die Künstlerin aus Steckborn geht bei ihren Leuchtsteinen von der natürlichen Form von Steinen aus, die in der hektischen Umgebung dank ihrer Bodenständigkeit und Ursprünglichkeit eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Die leuchtenden synthetischen Steine verbreiten eine bezaubernde Stimmung.

Veronika Dierauer (41) ist seit 20 Jahren als Bildhauerin tätig. Sie arbeitet mit Stein, Beton, Ton, Kunststoff und Holz. Letzten Sommer hat sie mit einer Installation am Murg-Kunstweg teilgenommen. Ihr dort gezeigtes Werk erinnerte mit Absperrband und einer leuchtenden „Opfer-Silhouette“ an einen Tatort. Im Kunstwürfel werden an wechselnden Standorten temporäre Kleinstausstellungen gezeigt. Sie sollen die Passanten überraschen und zur Auseinandersetzung mit Kunst anregen. (svf/rom)

 

veronikadierauer.ch

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