von Katrin Zürcher, 01.05.2013
Urs Graf - innert Kürze ausgebucht

Kunst inspiriert. Gerade beim Werk von Urs Graf gilt das auch für Kinder. Silvia Peters führt zurzeit Hunderte von Frauenfelder Schulkindern durch seine Ausstellung im Bernerhaus in Frauenfeld. Die Nachfrage ist so gross, dass die Führungen innert kurzer Zeit ausgebucht waren.
Katrin Zürcher
Melina entdeckt die beiden Kinderbilder sofort. Sie weist auf zwei Zeichnungen, die inmitten anderer an der Wand hängen. Eine zeigt einen roten Teufel, die andere ein vergnügt wirkendes blaues Männchen. Obwohl der Ermatinger Künstler Urs Graf sie im Alter von vier respektive fünf Jahren gemalt hat, ist schon der für spätere Werke typische bestimmte, vorwärtsdrängende Pinselstrich sichtbar. „Gut geschaut“, lobt Silvia Peters und verrät, dass sie das blaue Männlein gerne zu Hause an die Wand hängen würde. Sie führt an diesem Vormittag sieben Mädchen und sechs Buben aus dem Schulhaus Erzenholz durch die Ausstellung im Bernerhaus in Frauenfeld. Den Auftakt macht sie im Raum, der mit „Bio Grafisches Urs Graf“ beschriftet ist. Die Werke hier – einschliesslich der beiden Kinderzeichnungen – sind unverkäuflich.
Ein warmherziger Künstler
Geschickt und in kindgerechter Sprache verbindet die Kunstvermittlerin Anekdoten aus dem Leben von Urs Graf mit seinen Collagen, Zeichnungen und Gemälden. Die Viert- bis Sechstklässler hören aufmerksam zu und tun auf Nachfrage ihre Meinung dazu kund. Christoph etwa fällt auf, dass Urs Graf nicht immer auf Papier malt und dass er verschiedene Materialien verwendet. Da gibt es etwa einen gezeichneten Fuss auf einem Plastikteller mit eingetrockneter roter Farbe und festgeklebtem Löffel, eine rasche Zeichnung auf einer McDonalds-Serviette oder ein Bild auf Papier des Kantonsspitals Münsterlingen. Die Kinder erfahren, dass Urs Graf zwei Kinder hat, auf Fotos gern ernst dreinschaut, ein herzlicher Mensch ist, und dass er lange krank war. Seine Ausstellung, die noch bis zum 12. Mai in den Räumen des Kunstvereins Frauenfeld zu sehen ist, heisst „Kunst ist immer irgendwie autobiographisch“.
Figuren, einzigartig auf der Welt
Nach der Einführung im autobiografischen Raum machen sich die Kinder in zwei Gruppen auf, die andern beiden Räume zu entdecken, die auch „immer irgendwie autobiographisch“ geprägt sind. Silvia Peters Ehemann übernimmt die Hälfte der Schar, denn jetzt dürfen die Kinder selbst kreativ werden. Matthias Peters betrachtet fünfzehn gleich aufgebaute Porträts mit ihnen, bevor sie selbst loslegen. Dann geht es weiter zur Vitrine mit Urs Grafs Tage- und Skizzenbüchern. Die Kinder bekommen ein blaues Heft ausgehändigt und dürfen selbst Figuren erschaffen, „die es noch nie gegeben hat auf der Welt“. Durch die Abdrücke der dicken Filzstifte entstehen auf der nächsten Seite Punkte, die man wieder verbinden kann – und schon ist ein neues Kunstwerk entstanden. Dieses kolorieren sie.
Andere Werte nebst Geldverdienen
Im Raum nebenan hat Silvia Peters ihrer Gruppe kleine, vorbereitete Ordner – Classeurs nennt sie Urs Graf – verteilt. Die Viert- bis Sechstklässler dürfen es dem Künstler gleichtun und nach Herzenslust kleben, Folien beschriften, zeichnen, malen. Es entstehen zauberhafte Ringbüchlein, welche die Kinder stolz herzeigen. Urs Grafs von vielen Collagen geprägtes Werk spricht sie an und entsprechend eifrig machen sie mit. Lehrerin Ruth Roth war schon mit vielen Klassen bei Silvia Peters. Mit der aktuellen Klasse war sie kürzlich auch in der Kartause Ittingen, um das Werk von Willi Oertig kennenzulernen. Sie meldet sich jeweils sofort nach der Ausschreibung an, da die Workshops sehr schnell ausgebucht seien. „Ich finde Kunsterziehung enorm wichtig“, sagt sie, „die Kinder sollen sehen, dass es im Leben noch andere Werte als Geldverdienen gibt.“
Üben, üben, üben
Die Schulen Frauenfeld und die Kulturstiftung des Kantons Thurgau unterstützen das Projekt Kunstvermittlung. In der Ausstellung von Urs Graf haben bisher insgesamt 220 Kinder und Jugendliche aus der Primar- und Sekundarschule Frauenfeld die Führungen von Silvia Peters in Anspruch genommen. Im Verlauf der gut eineinhalb Stunden erhalten sie nicht nur viele Informationen zum Künstler und seinen Zeichnungen, Bildzyklen, Collagen und Gemälden, sondern auch Tipps zum Selbergestalten. „Schaut gut hin und gebt euch nicht mit dem erstbesten Resultat zufrieden“, rät ihnen Matthias Peters. „Ihr könnt vieles tun, aber tut es! Und ihr müsst üben, üben, üben.“ Die Mädchen und Buben hören ernst zu, das kennen sie wohl aus der Schule. Doch dann sagt Matthias Peters: „Und denkt immer daran, dass es in der Kunst kein Richtig und kein Falsch gibt“. Da lächeln sie.
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