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18.02.2012

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner bemerkt’s!

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner bemerkt’s!
Nicht stehender, aber anhaltender Premieren-Applaus für die Truppe des Theater Jetzt! | © Brigitta Hochuli

Ein Versuch sollte es werden. Dies hat Regisseur Oliver Kühn an der Pressekonferenz zum Theaterstück „Ittingen brennt“ in der Kartause angekündigt. Nun nimmt er das Publikum mit auf die Reise in die Vergangenheit.

Katharina Alder

Und als genau das funktioniert das Gebotene wunderbar. Als eine Art theatralisches Pendant zum Schulfernsehen werden dem Zuschauer die Ereignisse in der Kartause Ittingen rund um die Reformationszeit erläutert. Dies untermalt Kühn mit tollen Bildern in den Massenszenen – so lässt er die vom treffend umgesetzten Oberhirni Zwingli angeführten Reformatoren verhasste Heiligenbilder darstellen, friert DaVincis Abendmahl ein, verpasst der Tagsatzung zu Baden ein Laufgestell für alte Menschen und foltert die Protagonisten ad absurdum – und greift in passenden Situationen zum kraftvollen Mittel des Chors.

Leider ist Letzterer zu wenig pointiert und synchron, so dass er an Wucht verliert. Dennoch lässt sich in solchen Momenten eine darunterliegende Intention erahnen. Eine wirklich grossartige Leistung zeigt dabei der Appenzeller Musiker Patrick Kessler. Seine stimmigen musikalischen Elemente sind perfekt ins Geschehen eingeflochten und erzeugen eine eindrückliche Atmosphäre.

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Kühn hatte angekündigt, sich im Stück nur im Sinne einer Rahmenbedingung mit dem Ittinger Sturm zu befassen und sich hauptsächlich auf die Dimension des Kriegs zu konzentrieren. Zu beleuchten galt es seiner Meinung nach die Mechanismen von Gewalt und Krieg, die Dynamiken zwischen dem Menschen und der Gesellschaft in revolutionären Zeiten. Dazu verwies er auf den aktuellen Arabischen Frühling oder die vermeintlich sinnentleerten Randalierungen am Zürcher Central.

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Genau dafür wurde eigentlich die Figur der Kriegsgöttin Belli geschaffen, sie sollte, selbst durch das Anheizen der Stimmung im Krieg involviert, für Aussagen auf einer Metaebene fungieren. Doch das funktioniert im Stück leider überhaupt nicht. Die Schlüsselfigur steckt voller Potential, doch wird sie zur blossen Erzählerin degradiert, was die Figur nach fünfzehn Minuten gehörig langweilig macht. Als Reiseführerin schlittert Belli durch ihre Doppelstunde Geschichte und verpasst die Chance, sich in den geeigneten Momenten in inhaltliche Tiefen zu begeben. Der Bezug zur Gegenwart und zum Wesen des Kriegs bleibt beinahe vollständig auf der Strecke.

Nur kurz wandeln sich die betrunkenen Randalierer der Kartause in den lärmenden Mob der Zürcher Jugendlichen und jagen über die Bühne – jetzt müsste und könnte es interessant werden. Doch der Faden verschwindet so schnell wieder, wie er aufgenommen wurde. Auch ein Dutzend projizierte Bildchen zum Thema Krieg zum Ende des Stücks genügen nicht, um eine aussagekräftige Stellungnahme vorzunehmen. Dem Zuschauer wird einfach etwas hingestellt, womit er dann selbst etwas anfangen soll. Daran wäre grundsätzlich nichts auszusetzen, nur fehlt leider seitens der Bühne eine klare Haltung dazu.
Dies ist ein grundsätzliches Problem der Figuren. Bis auf Florian Steiner, der als Johann Wirth eine gewisse Zerrissenheit darstellt, lassen sich bei den anderen Charakteren nur wenig Motivation ihrer Handlungen und Entwicklungen innerhalb des Stücks ablesen. Ein blosses Beleidigtsein von Belli, weil das Geschehen nicht den von ihr geplanten Verlauf nimmt, reicht dann irgendwie nicht.

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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kühn und seine Gruppe mit viel Präsenz einen unterhaltsamen, bilderstarken Abriss historischer Begebenheiten - oder sagen wir lieber einer historischen Atmosphäre - verfremdet dargestellt haben. Die aber viel interessantere Schiene der Aktualität von Revolution bleibt auf der Strecke. So werden die gerade im zweiten Teil installierten Angebote fallengelassen und die darunterliegende Thematik pro forma gestreift, dies jedoch eher halbherzig. Warum beispielsweise die Ertränkungsszene an der Thur nicht in eine Waterboarding-Situation treibt, lässt sich möglicherweise damit beantworten, dass man sich offensichtlich entschieden oder aus Unbehagen gegen die Form des Extremen stellt. Das ist sehr schade, denn so fahren Kühn und seine Schauspieler behaglich auf der sicheren Seite der Lacher. Was bleibt, ist ein nett verbrachter Abend, das Stück als ein rundes Ding mit Wumms und die Fragen, warum man unbedingt gefallen muss und ob man Angst vor dem allgemeinen Gusto des Publikum hat.

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"Der kleine Weltenbrand", Kritik von Dieter Langhart in der Thurgauer Zeitung.

Mehr zur (ausverkauften) Aufführung und Interviews hier.

 

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