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von Kathrin Spycher, 25.05.2009

Othmar Eder: Versiegelte Zeit - Facetten einer Bahnfahrt

Othmar Eder: Versiegelte Zeit - Facetten einer Bahnfahrt
Othmar Eder | © Caroline Minjolle

Seit 2003 stellt die Kulturstiftung des Kantons Thurgau in der Reihe «facetten» regelmässig Thurgauer Kulturschaffende und ihre Arbeit vor. Die neuste Ausgabe ist dem aus Osttirol stammenden und seit 2001 in Stettfurt lebenden Künstler Othmar Eder gewidmet.

Klaus Hersche (Interview) / Kathrin Spycher

17. Januar 2009. Eine Fahrt im Intercity von Frauenfeld nach Bern. Eine Stunde fünfundvierzig Minuten, ohne Umsteigen. Zäher Hochnebel. Durchschnittstemperatur deutlich unter dem langjährigen Mittel.

Herr Eder, Sie fahren gerne Zug?

Ja, ich fahre wahnsinnig gerne und häufig mit dem Zug. Das ist für mich die beste Art, an andere Orte zu kommen.

Was schätzen Sie daran besonders?

Man kann die Mitreisenden beobachten. Und man hat Zeit, zum Fenster hinauszuschauen, zu lesen, nachzudenken, zu träumen. Ich fahre sehr gerne in Richtung Österreich, genauer ins Tirol. Die Fahrt ist jedes Mal unglaublich schön. Es verändert sich zwar nicht viel, aber trotzdem entdecke ich jedes Mal wieder irgendwas Neues. Man fährt ja praktisch vom Flachland Richtung Berge, durch den Berg hindurch und ist dann plötzlich mitten in den Bergen.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Geboren bin ich in Kufstein, aber meine Eltern kommen aus Osttirol. Durch einen berufsbedingten Ortswechsel meines Vaters bin ich die ersten sechs Jahre in Nordtirol aufgewachsen.

Gibt es bestimmte Erinnerungen aus der Kindheit, die Sie nachhaltig beeinflusst haben?

Wenn ich heute in meine Heimat fahre, dann stellen sich besondere Erinnerungen ein. Wanderungen zum Beispiel. Wir sind mit unserer Mutter regelmässig zum Spielen aufs Land hinaus und in den Wald oder auf die Alm gewandert. Gerade in den letzten drei Jahren taucht das wieder ganz intensiv auf. Landschaften vor allem, Berglandschaften.

Und wann haben Sie mit dem Zeichnen angefangen?

Eigentlich sehr früh, während der normalen Schulzeit schon. Aber zunächst bin ich auf Wunsch meiner Eltern auf die Handelsakademie gegangen, um etwas Kaufmännisches zu lernen. Aber ich hab mich da schrecklich unwohl gefühlt. Ich hatte immer mehr das Bedürfnis zu zeichnen, und gleichzeitig sind die Leistungen in der Schule immer schlechter geworden.

***

Da sitzt einer, der bereitwillig preisgibt. Um ihn geht es. Er ist Künstler und heisst Othmar Eder. Das Gespräch ist inszeniert, um verschriftlicht zu werden als «facette» Nummer 11 unter dem Titel «Versiegelte Zeit» in der Publikationsreihe der Kulturstiftung. Es vermittelt den Eindruck, wie man ihn auch beim Bahnfahren von Frauenfeld nach Bern bekommen kann: Man braucht nicht hinzuhören, um zu wissen, wo es langgeht. Man braucht nicht zu Ende zu lesen ... Eine von vielen Bahnfahrten zwischen losem Interesse und voyeuristischer Unausweichlichkeit.

Überraschungen zwischen Frauenfeld und Bern erwartet man nicht, im Gespräch finden sich keine. Es gibt keinen Haken, weit und breit keine Gleisbrüche oder Sackgassen. Ein Künstler wie Othmar Eder, der durch die Schönheit eines Maikäfers wegfindet vom akademischen Ballast, der sich zwischen Bergstation, Talstation und Skiliftbügeln selbst die irritierenden, unerwarteten Strukturen geben muss, der experimentiert mit Schichtungen, Verfremdungen und Überblendungen, der von sich sagt, als Zeichner, Gärtner und Morgenmensch auf die Welt gekommen zu sein, macht es einem leicht, sich an ein indifferenziertes, scheinbar farbloses Gutmenschenbild zu versteigen.

facetten nr. 11 vermittelt einen nuancierten Eindruck vom zeichnerischen Werk des Künstlers und enthält, nebst dem Interview von Klaus Hersche (nachzulesen in voller Länge) eine kritische Würdigung der Berner Kuratorin Kathleen Bühler. Die Publikation kann im Buchhandel oder über die Kulturstiftung des Kantons Thurgau bezogen werden.

In der Reihe «facetten» sind bisher erschienen:
1 Oliver Maurmann - GUZ und die Aeronauten, 2003, 2|3 Fotografie aktuell, 2003, 4 Peter Kamm - Skulptur, Zeichnung, 2004, 5 Max Bottini - Kunst um das tägliche Brot, 2005, 6 Ulrich Gasser - Komponist, 2005, 7 Rahel Müller - silence, 2007, 8 Anton Bernhardsgrütter lpc - Im Lande des Vergeltsgott, 2008, 9 Jürg Schoop - Unscheinbares im Fokus, 2008, 10 forum andere musik - ganz nah. Von der Entwicklung der Landschaft, 2009, alle im Niggli Verlag, Sulgen/Zürich

 

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