10.11.2012
Kunstfigur Daetwyler

Brigitta Hochuli
Kann es stimmen? Brecht an einer Kundgebung des Friedensapostels Max Daetwyler (1886-1976) im Zürich von 1933? Es wäre möglich! Oder dies: Daetwyler schwenkt seine weisse Fahne nach der Eroberung Berlins 1945. Es ist unmöglich.

Kundgebung in Zürich 1933. Links mit Bart Max Daetwyler, rechts Bertold Brecht. Bild aus der Ausstellung im Kunstraum/Brigitta Hochuli
„Was wa(h)r“, heisst die aktuelle Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen. Mit den Mitteln der zeitlichen Verschiebung und der Verfälschung bringt uns der junge Künstler Patrick Kull eine längst vergessene – erbarmungswürdig erfolglose – Figur ins Gedächtnis zurück. Spielerisch und gekonnt vermischt er Echtes mit Erfundenem und führt uns so die Labilität vermeintlich gesicherter Fakten und Bilder vor Augen. So weit verstehe ich die Vorgehensweise, und sie regt mich zum Nachdenken an.
Wenn da die Theorie nicht wäre. In der Publikation zur Ausstellung erfahren wir nicht nur Biografisches über den Friedensapostel, sondern auch, warum sie Kunst zeige. Nils Röller, Professor an der Zücher Hochschule der Künste, wo Patrick Kull studiert, macht sich Gedanken zu dessen „Mass“. Mass nimmt Röller selbst an Hans Magnus Enzensberger. Wenn dieser sich mit historischen Persönlichkeiten beschäftige, folge er nicht der philosophisch-ästhetischen Tradition, die das Abbild, die Nachahmung als etwas weniger Wertvolles – ontologsich Defizitäres – beschreibe. Enzensberger verstehe die Wahl von grossen – fremden – Vorbildern vielmehr als Chance, zu einem individuellen Produktionsmittel zu gelangen. Vorbilder zu wählen, das führe ein triadisch-mediales Denken und Handeln mit sich. Dazu gehöre jener, der Mass nehme (hier Patrick Kull), jener, an dem Mass genommen werde (Daetwyler) und das Mass selber, das in der Ausstellung im Kunstraum vorgestellt werde. Im Fall der künstlerischen Auseinandersetzung sei dieses Mass flexibel und nicht normiert, aber trotzdem nicht beliebig oder ungenau, schreibt Röller, erläutert die „Struktur der Kullschen Metrik“ und erwähnt Enzensbergers „Balladen“ und Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“, die historische Befunde entsprechend ihrer Poetik modulierten.
Obwohl von Varlin gemalt, war Max Daetwyler keine Persönlichkeit der Kunst. Jetzt hat er den theoretischen Unterbau. Und das scheint mir bei aller Gestelztheit bedenkenswert neu in Kulls und Röllers Auseinandersetzung mit ihm.

