29.07.2011
Kulis KulThurbetrachtung 8

Am letzten Wochenende war Berlinger Chilbi. Markstände an der Seestrasse, ein Karussell und eine Autoscooterbahn auf dem Stediplatz bei der Schifflände. Fischknusperli, Surfleisch mit Spätzli, Magenbrot und gegen das kalte Wetter einen Kaffee Lutz.
Statt mich unter die lärmende Menge zu mischen, besuche ich, wie es sich für einen kulturinteressierten Zeitgenossen ziemt, das Adolf Dietrich Haus. Hier oben im ersten Stock, im Arbeitszimmer des Malers scheint die Zeit seit dem 4. Juni 1957 stehen geblieben zu sein. Ich stelle mir vor, wie Dietrich am Tisch sass, vor sich ein grosses Stück Karton, die Farben, dazu als Vorlage Skizzen oder ein Foto. Und Zeit, viel Zeit. Dietrichs Bilder reisten um die Welt, er aber blieb in Berlingen, ging als Abwechslung zu Fuss an den Jahrmarkt nach Frauenfeld, lebte einfach und oft auch einsam. Geradlinig und stur verfolgte er seine Motive, die er am Untersee fand, kleine Sensationen reichten ihm vollauf. Vielleicht liegt gerade darin die grosse Faszination, die vom kleinen Mann im groben Baumwollhemd ausging und immer noch ausgeht.
Wir suchen in Indien und Tibet nach dem Glück, glauben, das Leben ticke in London, in New York intensiver, wir fühlen der Moderne den Puls in Berlin oder Venedig, finden aber oftmals nur leere Hülsen, die mit Fragen angefüllt sind. Fragen nach dem Einfachen, dem Echten. Dieses Einfache und Echte finden wir oftmals nach einer langen Reise an unserem Ausgangspunkt. Adolf Dietrich hatte abgekürzt. Er blieb in Berlingen, fand vor seiner Haustüre alles, was er suchte. So auch die Chilbi, die er fotografierte, malte und genoss. Und so bummle ich auf den Spuren des Malers durch die Berlinger Seestrasse, geniesse, die kleinen, unspektakulären Freuden, die ein solcher Sonntag bereithält und habe das Gefühl, an etwas wirklich Echtem teilzuhaben.
Kuli

