14.08.2012
Kulis KulThurbetrachtung 35

Bei der ‚Conceptual-Art‘, der Konzeptkunst, ist nach Definition die Idee, hinter dem Kunstwerk wichtiger als die Ausführung. Mit einem ‚Happening‘ wird das Publikum Teil einer Inszenierung. Entschuldigen Sie die graue Theorie. Ich brauche diese Buchstaben, um das Ungeheuerliche, das ich an diesem Sonntagabend in Pfyn erleben musste, in Worte fassen zu können.
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Auch ich wollte mir die weitgereiste Säule in Pfyn anschauen, danach setzte ich mich zusammen mit anderen Kulturtouristen ins Amphitheater, um die Abendstimmung und das Gefühl von Gemeinschaft, das der runde Bau vermittelt, zu geniessen. Da hielt neben uns ein VW-Bus, junge Leute in weissen Overalls sprangen heraus, verbeugten sich. Applaus, eine Gratis-Kunst-Vorführung an diesem Ort, welcher Art auch immer, wollte sich niemand entgehen lassen. Die jungen Künstlerinnen und Künstler luden schweres Werkzeug aus ihrem Fahrzeug, dann stellten sie sich in einer Reihe vor uns auf. Nun stieg aus dem Bus eine Frau in blutrotem Overall und hob die Hand. Fünf grosse Motorsägen heulten auf.
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Erschrocken und fasziniert zugleich wurden wir Zeugen, wie mit brachialer Gewalt die filigrane Konstruktion innert kürzester Zeit zerlegt wurde. Dabei diskutierten wir hilflos und ziemlich laut über die mögliche Message dieser Aktion. Es wurde fotografiert, was das Zeug hielt und dabei fielen die Namen der Aktionskünstler Wolf Vostell und Nam June Paik. Gerade als das Gerüst unter Getöse zusammenbrach, machte sich eine Zürcherin mit Louis Vuitton Tasche laut über die Abgrenzung dieser Aktion zur ‚Land-Art‘ Gedanken, wurde aber von einem Mann Typ Professor darüber belehrt, dass die Herkunft und Konsistenz der Materialien und ihre Bearbeitungsart für die Relevanz der Aussage ausschlaggebend seien.
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Eine Stunde später waren die zersägten Stämme in der Mitte der Arena zu einem schiffsähnlichen Gebilde zusammengebaut worden. Die Werkzeuge der Gruppe verschwanden im Bus, ein Transparent wurde enthüllt, Applaus, dann verschwanden die Künstler so schnell, wie sie gekommen waren. Als die Polizei eintraf, rätselten die Kunstliebhaber immer noch über die Aussage des Spruches ‚Ist das Boot wieder voll‘ und die Frage, ob Joseph Beuys hier noch eine Fettecke eingebaut hätte.
Kuli

