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22.05.2012

Kulis KulThurbetrachtung 29

Kulis KulThurbetrachtung 29
Kulis Künstlerprototyp hat Züge von Cézanne. | © wordpress/gefiltert ho

Möglicherweise ist John tatsächlich ein Künstler. Schliesslich verkehrt er dort, wo sich Künstlerinnen und Künstler treffen, er ist bei Vernissagen dabei und kommentiert mit viel Weisswein und ebenso viel Sachkenntnis die gezeigten Arbeiten. Man trifft John im Filmclub, an Konzerten und an den Theaterpremieren. Er ist an vorderster Front anzutreffen, wenn neue Projekte angedacht werden oder der nächste Leuchtturm geplant wird. Und immer wieder erzählt er von seinem „Durchbruch“, der unmittelbar bevorstehe.

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Wenn sich einer kleidet wie ein Künstler, dann er. Schwarze Jeans, schwarzes Hemd, Lederweste mit Stiften und Notizbuch in den Seitentaschen, abgetragener, dunkler Kittel und Schiebermütze. Auf den Händen und Brillengläsern manchmal Farbspritzer. In der Beiz zieht John sein schwarz gebundenes Notizbuch hervor und schreibt etwas hinein, eine Idee, einen Gedanken, den Anfang einer Geschichte. So sieht es jedenfalls aus.

Allerdings lässt sich nicht genau sagen, in welcher Kunstsparte John tätig ist, ich jedenfalls habe nie ein Werk oder einen Film von ihm gesehen, nie einen Text gelesen, den er veröffentlicht hat, nie wurde etwas über ihn publiziert. „Wie läuft es denn so?“, fragte ich John bei einer Veranstaltung im Theaterhaus Weinfelden. „Ganz gut“, er schob die Mütze ins Genick. „Im Moment arbeite ich eher konzeptionell!“ „Und wann sehen wir etwas von dir?“ „Schon bald, Kuli, du wirst staunen…“

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Das war vor einem Jahr. Einige Leute behaupten, John arbeite an einem Dokumentarfilm, andere wollen wissen, dass eine Monumental-Skulptur im Entstehen sei. In der Szene wird von einem sagenhaften Atelier erzählt, das auf einer Lichtung auf dem Seerücken stehe oder versteckt im Tannzapfenland liege.

Ich fürchte mich vor dem Augenblick, an dem Johns Werke einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Schäbigkeit der Realität kann niemals den Glanz unserer Vorstellungen und Phantasien erreichen, so hoffe ich, dass John weiterhin durch unsere Kulturszene wandelt, ein Künstler des Schwarzen Lochs, der unsere Gedanken und Vorstellungen beflügelt.

Kuli

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