17.01.2012
Kulis KulThurbetrachtung 20

„Eigentlich“, sagt mein Freund Pit etwas genervt, „ist es doch absolut ungerecht. Da bemüht man sich intensiv, und was ist das Ergebnis?“ Pit muss man ausreden lassen, sein Frust braucht Raum und Zeit.
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„Sieh mal, Kuli, seit Jahren bin ich auf der Suche, mit meinem Pinsel erforsche ich die Tiefen des Lebens, das menschliche Sein. Einfache Antworten stellen mich nicht zufrieden, ich gebe dem Zweifel seinen Raum. Das ist doch etwas, oder?“ Pit zeigt auf seine Bilder, die an den weissen Wänden der ausgeräumten Scheune hängen. Bilder, die den Blick in die Weite führen. Hinter transparenten Farbschichten lassen sich archaische Formen erahnen. Ein wuchtiges Werk. Bald würde die Vernissage beginnen, doch bisher bin ich der einzige Besucher. Dabei wiesen etliche Medien auf die Veranstaltung hin.
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„Weisst du, was mein Fehler ist?“ Ich warte gespannt. „Meine Ehrlichkeit! Und weisst du warum?“ Ich überstehe auch die nächste Kunstpause. „Weil ausser mir niemand mehr ehrlich ist auf dieser Welt. Alle übertreiben und machen dir etwas vor, Täuschungen wo du hinguckst. Ich aber sage, was Sache ist, und was passiert.“ Pit zeigt auf die gähnende Leere im Ausstellungsraum. „Niemand kommt. Weil ich ihnen eben nichts versprochen habe, darum!“ Ob es am Weisswein liegt?
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„Nimm die Schneebar in Hörhausen. Da wird dir Pistengaudi versprochen, obwohl klar ist, dass da kein Schnee liegt. Trotzdem lassen sich Tausende täuschen und feiern ausgelassen auf dem Seerücken. Oder Pfyn. Jeder weiss doch, dass so keine Kulturhauptstadt aussieht. Aber weil wir uns gerne Bedeutung vorgaukeln lassen, gehen wir hin und hoffen auf die Magie der Illusion. Ich hingegen …“
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Da klopft es ans Scheunentor. Ich mache auf. Draussen stehen gegen 150 Menschen, die geduldig auf die Eröffnung der Ausstellung gewartet haben. Als Pit den dritten ‚verkauft‘-Kleber an einem Bild befestigt, flüstert er: „Was ich vorhin sagen wollte, Kuli, ist, dass sich Ehrlichkeit in der Kunst immer auszahlt, daher habe ich meine Ausstellung ‚Täuschungen‘ genannt.“
Kuli

