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11.05.2011

Kulis KulThurbetrachtung 2

Kulis KulThurbetrachtung 2

Damals als Kanti-Schüler haben wir uns intensiv mit Max Frisch befasst, eine sprachlich reizvolle, inhaltlich für uns Jugendliche aber oft verwirrende Auseinandersetzung. Auch verstand ich die masslose Begeisterung unseres Deutschlehrers nicht, erst jetzt, da ich sein Alter erreiche, sehe ich Frischs Texte neu und mit vertrauten Augen. Was mich aber weiterhin befremdet, ist Frischs Angst vor der Provinz, vor dem biederen Mief in unserem Land. Die Frage, ob Kultur nicht gerade in der Provinz zu Hause sein müsse, sollte immer wieder neu gestellt werden.

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Frisch ist der Provinz oft ausgewichen, nach Rom, nach New York, ins Tessin. Dabei stelle ich mir vor, dass Montauk durchaus auch am Untersee hätte geschrieben werden können, dass die junge Dame statt aus der Grossstadt auch aus Steckborn oder Ermatingen stammen könnte. Die Spaziergänge auf der Insel würden zwischen den Gewächshäusern und Kirchen der Reichenau stattfinden, selbst am Untersee kann man Weite spüren, wenn man sie in sich hat, ebenso wie die Unrast.

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Julian Schütt, Autor einer vielbeachteten Biographie der frühen Frisch-Jahre, gab im Bodman Haus intime Einblicke ins Werden des Meisters. Warum wird einer, der aufwächst wie viele von uns, ein ganz Grosser? Wie wird man Weltbürger, und warum Montauk und nicht Untersee?

Frisch hat den Thurgau nur als Durchgangskorridor benutzt, um mit Brecht ins Konstanzer Theater zu fahren. Dass der Meister den Thurgau mied, ist indessen weder philosophisch noch politisch zu begründen, es ist vielmehr eine kleinbürgerliche Rache des grossen Max: Frisch hat den Thurgau in seinen Werken ausgeklammert, weil ihn die Thurgauer Zeitung damals nicht als Redaktor angestellt hatte!

Kuli

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