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von Alex Bänninger, 25.08.2013

Flügelschlag eines Schmetterlings

Flügelschlag eines Schmetterlings
Gabriele Jerke und Erna Hürzeler (v.l.) | © Brigitt Näpflin

Im Sommeratelier in der Remise Weinfelden war Vernissage mit Gabriele Jerke, Berlin, und Erna Hürzeler, Wil. Eine bemerkenswerte Rede hielt

Alex Bänninger*

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Weinfelden und Wil trennt ein Katzensprung. Man kennt sich.

Wenn Sie sich vorstellen, der Weitsprung-Weltmeister, das Graue Riesenkänguru, müsse von Weinfelden nach Berlin mehrmals ansetzen, dann sollten Sie umlernen. Auch diese beiden Städte sind sich ganz nah.

Durch Berlin fliesst ein Fluss, die Spree, durch Weinfelden ebenfalls, der Giessen. War Berlin lange die ehemalige Hauptstadt, so ist Weinfelden noch heute die heimliche. Berlin baut endlos am Flugplatz, Weinfelden am Marktplatz. Berlin ist arm, aber sexy, das reiche Weinfelden aber mit der an der WEGA gekrönten Apfelkönigin auch. Beide Stadtoberhäupter sind den faunischen Geschöpfen vertraute Gefährten: der eine als Max Vögeli, der andere als Klaus Eichhorn - auf Litauisch Wowereit.

Damit hört das hier vergleichend Erwähnenswerte auf. In den Vordergrund rückt das Exklusive: Was Berlin und Wil von sich nicht behaupten können, zeichnet Weinfelden aus: Es ist gegenwärtig international der einzige Ort, wo eine Künstlerin aus Berlin und eine Künstlerin aus Wil gemeinsam arbeiten.

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Weinfelden liegt nach eigenem Bekunden "im Herzen des Thurgaus" und mit den Sommerateliers auch im Herzen der Kunst. In dessen Reichweite wird die Brieftasche mäzenatisch gezückt, um die Remise in ein musisches Gasthaus zu verwandeln, mal in ein kreatives Männerhaus, mal in ein innovatives Frauenhaus und genderneutral in ein Traumhaus fürs freie Schaffen. Es führt uns ausgerechnet als Holzhaus vor Augen, dass Weinfelden für die Kunst kein Holzboden ist.

Für diesen glänzenden Beweis wollen wir der Stadt Weinfelden, der Kulturkommission und namentlich Brigitte Näpflin und Ivo Dahinden wärmstens danken, auch für den fantasiebegabten Bruch mit einem alten Brauch.

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Der Ihnen allen bekannte Brauch heisst, der bildenden Kunst Ausstellungen zu widmen. Jahrein, jahraus. Landauf, landab. Keine Nägel mit Köpfen, sondern Nägel mit Bildern. Nichts dagegen. Aber Kunstvermittlung nur mit dem Hammer, reduziert die Kunst auf ein Befestigungsproblem.

Besser bestückt ist der Kulturförder-Werkzeugkasten für die Sommerateliers. Er erlaubt eine stabile und nutzstiftende Konstruktion aus ortsbezogenem Stipendium, öffentlich einsehbarer Schaffensphase und finaler Schau. Statt angelieferter Fertigware gibt es opere d'arte fatte in casa.

Eine Jury verleiht als Auszeichnung das Recht, sich in der Remise zu entfalten. Die Franzosen würden sagen: "La Remise de l'ordre des Arts". Wir gratulieren den beiden Künstlerinnen herzlich.

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Gabriele Jerke ist 44, lebt in Berlin und wurde im hessischen Giessen geboren, dem Ort mit dem gleichen und wohl schicksalhaft vorbestimmenden Namen wie Weinfeldens munterer Fluss. Sie studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und war nach dem Diplom Meisterschülerin von Malte Sartorius, dem exzellenten Zeichner und Radierer. Ihre Ausstellungen u. a. in Berlin, Bremen, Hamburg, Kassel und Belgrad hiessen etwa "Welt und Loch", "Die Beretta im Knopfloch" oder - was auch einen Hohlraum voraussetzt - "Perdus dans l'espace".

Erna Hürzeler ist 58, lebt in Wil und wurde in St. Gallen geboren. Sie besuchte die Fachklasse Grafik an der Schule für Gestaltung St. Gallen, bildete sich weiter am San Francisco Art Institut und arbeitete als Grafikerin in Genf, San Francisco, London und Zürich. 1987 wechselte sie von der angewandten zur freien Kunst und 1989 vom freien Dasein zum angewandten, nämlich ins eheliche und nachzeitig familiäre: mit dem Journalisten Rolf Hürzeler, mit Sabine und Basil. Sie leitet ein Malatelier für alle Altersklassen, lehrt an der Oberstufe Wil und an der Volkshochschule Zürich und stellte u. a. aus in Wil, Zürich, Berlin, Leipzig und Eindhoven.

Beide lernten sich 1999 in einem St. Galler Kunstseminar kennen, entwickelten aus der Sympathie eine Freundschaft und aus ihr den Entschluss, Projekte gemeinsam zu verwirklichen. Ihre künstlerische Sprache ist unterschiedlich, ihre Arbeitsweise gleich: bedacht, präzis im Sinne Robert Walsers: "Ich halte Genauigkeit für poetisch." Kunst ist ihnen geerdetes, ideenreiches, zärtliches Machen. Wenn sie darüber reden, dann sorgfältig nach dem Wort suchend. Gespräche mit ihnen hellen den Tag auf.

Der Schlüssel zur Remise war Gabriele Jerke und Erna Hürzeler als Schlüssel zur Arbeit "alleine zu zweit" von April bis August ein Geschenk des Himmels über dem Schlaraffenland. Dass die Gabe an die Begabung gekoppelt war, eine harte Bewährungsprobe zu bestehen, wussten sie am Anfang nicht.

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Die Prüfung lauert in der Remise selber. Seit langer Zeit. In Kürze dies:

Das um 1794 vom Apotheker Paul Reinhart erbaute "Specerey-Lager" spielte neben dem vornehmen "Haus zum Komitee", dem aristokratischen "Haffterhaus" und dem herrschaftlichen Park gerade mal die Nebenrolle als unscheinbarer Zweckbau. Er muss sich über die spätklassizistischen Schönlinge mächtig geärgert haben, bis er lernte, über sie zu lachen und einen eigenen Stolz zu entwickeln als ungehobeltes und kantiges Bauwerk. Es träumte von Rissen und Löchern in den Mauern, von lottrigen Fugen im Holz, von ächzenden Bodenbrettern und von Gips in grauer Verfärbung.

In zweihundert Jahren hat sich der Traum erfüllt. Die Künstlerinnen und Künstler merken es - ein bisschen auf dem falschen Fuss erwischt, aber schnell -, dass sie herausgefordert sind, sich gegen die wunderbar karge Ästhetik der Remise wehren zu müssen. Mit gewichtigen künstlerischen Argumenten. Dann nur legt der Charakterklotz seine Unnahbarkeit ab und lässt sich darauf ein, ein Kunsthaus zu sein. die Remise ist es für Gabriele Jerke und Erna Hürzeler geworden - "la Remise de l'Ordre des Arts".

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Denn beiden ist der Mut eigen, sich vor der Leere nicht zu fürchten.

Welchen Segen es bedeutet, wird in jenem Gegenteil augenscheinlich, das unseren Verkehrskreiseln, Waldlichtungen und Passübergängen die flächendeckende Verkunstung als Landschaftsplage beschert.
Keine Angst vor der Leere ist ein guter Ausgangspunkt für Kunst. Er führte hier zur Frage, was es in der Remise notwendigerweise braucht, und nicht, bei welcher kunstvoller Traglast die Statik gerade noch knapp die Kinematik bremst. Gabriele Jerke und Erna Hürzeler ist die sehenswürdige Inszenierung der Leere gelungen.

Sie entschieden sich für die archaische Spur des Sammelns. Auf ihr sammelten sie - nicht jeden Tag, doch immer wieder fleissig - rund um die Remise und in der Remise einerseits Objekte, Bilder und Töne und anderseits Inspirationen, um die Fundstücke mit minimalen Veränderungen in Kunststücke zu verwandeln. Sie erzählen als Sammlerstücke vom Erdgeschoss bis ins Dachgeschoss Geschichten.

Kleine Kunstwerke fügen sich zum Gesamtkunstwerk von Draussen und Drinnen. Sehr subtil. Raffiniert kreativ. So federleicht einfach, dass die Einfachheit fliegt und uns wiederum die Geschichte erzählt vom knorrigen Holzbau, der sich von der Poesie verführen lässt.

Weil sich das Draussen im Drinnen überraschend stark entfaltet, erschien es Erna Hürzeler als verlockend, eines der nahen Riegelhäuser in der Remise aufzubauen. Mit List gelang es: mit dem Kunstgriff, die Zwischenräume in die Remise zu holen, die sogenannten Fächer zwischen dem Holzskelett, sie auf 27 von Hand in unterschiedlichen Grössen zugeschnittenen Leinwänden darzustellen, mit dem Roller in stundenlanger Arbeit je anders einzufärben und auf dem Boden im ersten Stock als packende Art in Art auszulegen, als künstlerische Interpretation eines Riegelhauses und als abstrakte Komposition.

Auch der Brunnen vor dem Tore hätte als in die Remise verschobener Brunnen eine gewaltige Wirkung. Weil aber Gabriele Jerke weder Maurerin noch Spenglerin oder Geländestapelfahrerin ist, sondern Künstlerin, setzte sie auf den Brunnenrand das Fundstück eines blau-weissen Porzellan-Knaben, filmte ihn in naher und starrer Einstellung, wie er im Wechsel von Licht und Schatten schaut und hört, und trug das wasserbewegt verfremdete Still-Leben bequem als DVD in die Remise. Wer es während 8 Minuten und 38 Sekunden dem anmutigen jungen Mann gleichtut, erlebt, wie dramatisch ereignisreich ein scheinbares Nichts sein kann.

Die Remise ist von zwei hervorragenden Künstlerinnen feinfühlig eingerichtet worden für geduldig Sehende, für zeitvergessend Neugierige, für eigenschöpferisch Nachdenkliche.

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Die Finissage des Sommerateliers 2013 findet am 8. September statt, in schöner Gleichzeitigkeit mit dem Europäischen Tag des Denkmals.

Es mag Sie verblüffen, doch es stimmt: Auch künstlerischen Werke wie diese hier in der Remise sind Denkmäler und bedürfen der Denkmalpflege. In einem wörtlichen Sinne der Ermunterung: denk mal, denk mal nach, denk mal weiter. Dieses "Denk mal" kann nicht genug gepflegt werden.

Genau darauf zielen Kunst und Kultur: Auf das Denkbare. Sie beanspruchen für sich grenzenlose Freiheit und durchkreuzen den seligen Trott. Mit Gabriele Jerke und Erna Hürzeler, die uns auch die Ästhetik der schöpferischen Energie vor Augen führen, begehen wir den Denk-Mal-Tag bereits jetzt.

Das wäre ein guter Schluss, hätte ich im neuen Buch von Ilma Rakusa, "Aufgerissene Blicke“**, nicht einen Satz gelesen, der als Floh im Ohr darauf drängte, an der Vernissage dabei zu sein: "Berlin ist unfertig und immer in Bewegung."

Ich habe den Eindruck, den Sie vielleicht teilen, die Orte im Thurgau hätten die Gewissheit, fertig zu sein, vollendet, weshalb das Bewahren des Erreichten über dem Willen steht, für Bewegung zu sorgen. Was gestern war und heute ist, soll morgen etwas moderner sein oder doch modischer, aber auf keinen Fall auf den Kopf gestellt anders.

Der Kunst hingegen ist jeder Zustand unfertig und bloss ein Auftrag für den Versuch, das Erreichte auf neuen Bahnen zu verändern und zu verbessern.

Daran muss in der Remise erinnert werden. Denn im benachbarten spätklassizistischen Schönling, dem "Haus zum Komitee", versammelte Paul Reinhart Ende des 18. Jahrhunderts das sogenannte Comité, den regierenden Inneren Ausschuss. Er war vom aufklärerischen Feuer der Französischen Revolution erfasst und kämpfte glühend für die Freiheit des untertänigen Thurgaus.

Derart umstürzlerisch müssen sich die Künstlerinnen und Künstler im Sommeratelier nicht gebärden. Auch mit Sanftheit kann uns die Kunst treffen und auf den verbreitungsbedürftigen Gedanken bringen, die Kreativität zähle mehr als die verwaltete Ordnung, die Poesie mehr als die berechnende Nützlichkeit.

Die intensiv berührende Poesie erinnert ans physikalische Wunder des Schmetterlings, der mit seinem Flügelschlag "in Brasilien einen Tornado in Texas"*** auslöst. Weil er das kann, könnte er von Weinfelden aus frischen Wind in den Thurgau wehen. Diesen Schmetterlingseffekt wünsche ich mir.

Überdies wünsche ich mir, dass Weinfelden die Ateliers mit Freude noch stärker fördert und Sie, liebe Vernissage-Gäste, Gabriele Jerke und Erna Hürzeler die opere d'arte fatte in casa abkaufen - als private Denk-Mal-Pflege.

******

* Alex Bänninger ist Publizist und wohnt in Stettfurt TG. Er schreibt regelmässig fürs Journal 21 und die Thurgauer Zeitung und ist als Kulturproduzent und Kommunikationsberater tätig.

** Ilma Rakusa, Aufgerissene Blicke, Graz und Wien 2013, S. 6

*** Edward N. Lorenz, Predictability: Does the flap of a butterfly's wings in Brazil set off a tornado in Texas?, Titel des Vortrags im Jahr 1972 während der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science; Science 320, 2008, S. 431

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