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von Barbara Fatzer, 15.01.2015

Dietrich sah schwarz

Dietrich sah schwarz
"Der Himmel brennt am Horizont": Dietrichs Bild war Namensgeber der Ausstellung. | © Barbara Fatzer

Wie lebte man während des 2. Weltkrieges am Bodensee mit der Kriegsdrohung, Lebensmittelknappheit, mit Flüchtlingsströmen und Bombardierungen? Das Kunstmuseum vermittelt ein Stimmungsbild davon.

Barbara Fatzer

Es sind jetzt 70 Jahre her seit Ende des 2. Weltkriegs, mit all seinen Schrecken, Verlusten und Menschenopfern. Es sind nur noch wenige Zeitzeugen da, die darüber berichten können. Was aber bleibt, sind Zeugnisse und Interpretationen von Kunstschaffenden, Seismografen ihrer Zeit, die nicht in erster Linie dokumentarisch festhielten, was geschah, sondern Stimmungen aufzeichneten.

Im Frühjahr 1939 entstand "Der Himmel brennt am Horizont"

Es gibt ein Bild von Adolf Dietrich, das eine dramatische Wetterstimmung über dem winterlichen Untersee zeigt: "Der Himmel brennt am Horizont", das jetzt die Ausstellung eröffnet. Interessant ist der Zeitpunkt, an dem er es in Berlingen malte, im Frühjahr 1939. Aus heutiger Sicht interpretiert man es als Vorahnung des Künstlers, der es bereits am deutschen Ufer brennen sieht. Die von Menschen verursachte Katastrophe nähert sich rasant, die bald auch die Schweiz streifen wird.

Auch andere Künstler aus der Ostschweiz verarbeiten reale Geschehnisse auf ihre Art oder wehren sich gegen das Verhängnis mit kraftvollen Widerstandsbildern. Die Nähe zur deutschen Grenze zwingt sie geradezu, genau hinzusehen.

Tröstliche Fotografien von Hans Baumgartner

Sehr eindrücklich sind da etwa die Schwarz-Weiss-Bilder des Fotografen Theo Frey (1908–1997), der im Auftrag der Armee präzis erfasst, wie Schweizer Soldaten ihrer Pflicht nachkommen, aber auch wie es internierten Flüchtlingen ergeht. Wer weiss denn noch, dass es in Tänikon ein Auffanglager für jüdische Menschen gab? Hans Baumgartner dagegen zeichnet das Leben der Landbevölkerung nach, das zwar hart ist, aber seine Beschaulichkeit nicht verliert. Fast tröstlich wirken einige seiner Bilder, welche vertrauenswürdige Soldaten bei der Wache zeigen oder die den Bauern helfen.

Dass man an der Grenze sehr wohl wahrgenommen hat, welchem schrecklichen Schicksal Flüchtlinge ausgesetzt waren, ruft Ernst Graf schmerzlich in Erinnerung durch seine Zeichnungen von diesen trostlosen Kindergesichtern, dem erstarrten Blick einer Frau oder gar die Leichen von verhungerten Menschen. Sie holen verdrängte Bilder wieder herauf.

Hochrisiko-Karikatur: Grafik von Robert Wehrlin. (Bilder: Barbara Fatzer)


Was Karikatur leistet

Ganz aktuell wieder in unser Bewusstsein gerufen wird, was Karikaturen leisten, wenn man die damals sehr provokativen Grafiken eines Robert Wehrlins wahrnimmt, der den Krieg in Paris überlebte. Hätte er sie damals veröffentlicht, wäre das sein sicherer Tod gewesen. Bö (Carl Böckli, 1889–1970) dagegen konnte im Nebelspalter seine Sicht auf den ahnungslos tuenden Schweizer, dessen Anpassung an die "neuen" Verhältnisse mit spitzem Bleistift karikieren, nicht alles fiel der Zensur zum Opfer. Unverzichtbar für seelische Hygiene sind solche künstlerischen Äusserungen in Zeiten des Widerstands, denn das Lachen bricht die Angst.

Schlusspunkt dieser Ausstellung setzt ein weiteres Bild von Adolf Dietrich. Er schaut in seinem Haus direkt am See diesmal nach Süden, wo sich nach dem Frieden im Frühling 1945 der Nachbarsgarten bereits in voller Blüte zeigt. Am Biedermeier-Gartenhäuschen flattert fröhlich eine winzige Schweizer Fahne, was vermitteln könnte: "Wir sind noch einmal davon gekommen!"

Der Blick über die Grenze

Wie Adolf Dietrich hat auch der Diessenhofer Carl Roesch ein beachtenswertes Bild gemalt, bei dem der Blick übers Wasser ebenfalls eine Grenze passiert. «Zwei Frauen und ein Mann vor Sonnenuntergang über dem See» entstand 1940, also nach Kriegsbeginn. Hier ist es eine blutrote Sonne, die über dem Horizont steht und den Westhimmel entsprechend einfärbt. Die drei Personen beobachten regungslos das ebenfalls spektakuläre Naturschauspiel. Hier wirkt die Situation nicht bedrohlich, sondern eher faszinierend und beeindruckend. So unterschiedlich haben zur gleichen Zeit Künstler dieselbe Umgebung wahrgenommen. (fz)

 

***

Weitere Informationen:

Ausstellung "Der Himmel brennt am Horizont - Kunst in der Ostschweiz im Banne des 2. Weltkriegs" vom 17. Januar bis 30. August 2015 im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen.

Vernissage: Freitag, 16. Januar, 19.00 Uhr.

Details hier:

 

 

www.kunstmuseum.ch

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