Seite vorlesen

09.10.2012

Ein unerhörtes Frauenleben und die Wirkung des Thurgauer Staatsarchivs

Ein unerhörtes Frauenleben und die Wirkung des Thurgauer Staatsarchivs
Erfolgreiche Arbeitsteilung: das Autorenpaar Lisbeth Herger und Heinz Looser bei der Lesung im Staatsarchiv Thurgau in Frauenfeld. | © Katrin Zürcher

„Zwischen Sehnsucht und Schande“ erzählt vom Überleben der in Arbon verstorbenen Stickerin Anna Maria Boxler (1884-1965), der sieben ihrer neun Kinder weggenommen wurden und die den Grossteil ihres Lebens im Thurgau verbrachte. Ihr Enkel stellte das Buch in Frauenfeld vor. Staatsarchivar André Salathé erklärt im Interview zudem die gesellschaftliche Relevanz aufbewahrter Akten.

KATRIN ZÜRCHER

Am 27. Dezember 1964 feierte Anna Maria Boxler an ihrem Wohnort in Arbon ihren 80. Geburtstag. Wenige Tage später, an Neujahr, erkrankte sie plötzlich. Sie wurde ins Spital Münsterlingen gebracht und starb innerhalb einer Woche. Ihr Enkel Heinz Looser war damals knapp neun Jahre alt und erfuhr nichts vom Tod der unbekannten Grossmutter. Bis vor sieben Jahren wusste der heute 56-jährige Historiker von ihr nur, was ihm sein Vater einmal erzählt hatte: dass sie mit einem andern abgehauen sei. „Grossmutter war die grosse Leerstelle in unserer Familie“, sagt er bei der Vernissage des Buches „Zwischen Sehnsucht und Schande“ im Staatsarchiv Frauenfeld.

In siebenjähriger Recherchearbeit hat Heinz Looser versucht, diese Leerstelle zu füllen, hat in zwanzig Archiven zwischen Bregenz und Zürich nach Spuren des grossmütterlichen Lebens gesucht, hat 1500 Quellen gefunden und ausgewertet. Seine Partnerin, die Journalistin Lisbeth Herger, hat die Lebensgeschichte der Grossmutter aufgeschrieben und die Spurensuche eingewoben. Diese Verknüpfung ist dem Lesefluss zwar nicht immer zuträglich, dafür erhält man Einblick in die Recherche und in die Arbeit der Archive. Die Geschichte über das Leben der Anna Maria Boxler ist ansonsten spannend geschrieben und zieht einen fast von der ersten Zeile an in ihren Bann.

Illegitim, arm, delinquent

Als illegitimes, also uneheliches Kind einer armen Fädlerin in Gams geboren, verdient Anna Maria Boxler schon früh ihr eigenes Brot als Nachstickerin. Im Alter von 19 Jahren heiratet sie den dreissigjährigen Schifflisticker Adolf Looser aus Nesslau. Neun Monate später kommt das erste Kind zur Welt, danach folgen fast im Jahrestakt fünf weitere. Die Zeiten sind schwierig, die Löhne tief. Die Familie muss sich verschulden, zieht in eineinhalb Jahren zehnmal um. Als Anna Maria Looser-Boxler mit dem fünften Kind schwanger ist, will sie es in ihrer Verzweiflung mit dem Pulver „Sorgenlos“ abtreiben, was misslingt. „Zu unserem Glück“, sagte Lisbeth Herger an der Buchvernissage. Der Bub, der trotz Abtreibungsversuch gesund zur Welt kam, sollte nämlich 45 Jahre später Heinz Loosers Vater werden.

Anna Maria Looser wird wegen versuchter Fruchtabtreibung verurteilt, ihr Mann wenig später wegen leichtsinnigen Schuldenmachens. Die Familie wird per Behördenbeschluss aufgelöst, ein Kind nach dem andern fremdplatziert. 1914 wird Adolf Looser ins Militär einberufen. Seine Frau prostituiert sich in ihrer finanziellen Not hin und wieder, was ihr eine Verurteilung wegen gewerbsmässiger Unzucht einbrockt. Zwischen 1915 und 1920 wird sie zu fünf Gefängnisstrafen verurteilt und verbringt rund ein Jahr hinter Gittern. Während der Militär-Abwesenheit ihres Mannes lässt sie sich mit Julius Müller ein; im Februar 1919 kommt Sohn Julius zur Welt. Er wird ihr gleich nach der Geburt weggenommen. Die übrigen Kinder werden unter die Obhut von Vater Looser gestellt. Er nimmt zwei Buben mit nach Zürich, die andern vier Kinder werden verdingt, in Kinderheime oder zur Grossmutter gegeben.

Bittere Armut und häusliche Gewalt

Nach der Scheidung von Adolf Looser heiratet Anna Maria Boxler am 2. April 1921 in Frauenfeld Julius Müller. Weil beide mit einem Rayonverbot für St. Gallen belegt sind, suchen sie ihr Glück im Thurgau. Julius Müller ist Bürger von Aawangen; die dortige Armenpflege unter der Leitung des Pfarrers sucht ein Jahr lang verzweifelt nach einer Wohnung für das Paar. So ähnlich muss es heutigen Behörden ergehen, die eine Wohnung für Asylbewerber suchen. In Frauenfeld schliesslich wird die inzwischen dreiköpfige Familie geduldet; die Wohnung am Scheidweg ist Anna Marias 49. Station. Sie findet Arbeit und wird im Alter von 39 Jahren ein neuntes Mal Mutter. Die beiden jüngsten Kinder dürfen bei ihr bleiben. Doch nun wird sie von ihrem halbinvaliden Mann misshandelt. Sein Leben bewegt sich fortan im schwarzen Dreieck zwischen Irrenanstalt Münsterlingen, Arbeitsanstalt Kalchrain und Strafanstalt Tobel.

Anna Maria Müller zieht noch vier weitere Male um, bevor sie sich an der Schöntalstrasse in Arbon niederlässt, wo sie über dreissig Jahre lang lebt. Ruhe findet sie aber nur bedingt; ihr Noch-Ehemann bedroht sie immer wieder, wenn er für ein paar Tage aus der Verwahrung entlassen wird. Auch die finanziellen Sorgen reissen bis zu ihrem Tod nicht ab. Sie schreibt Bittbrief um Bittbrief; die evangelische Armenpflege Aawangen schickt mal einen Sack Kartoffeln, mal Brennholz. Ihrer zähen Konstitution dürfte es zu verdanken sein, dass sie trotz des entbehrungsreichen Lebens über achtzig Jahre alt wird. Und: „Sie muss eine grosse Energie gehabt haben“, sagt ihr Enkel Heinz Looser. „Dank dieses Trotz-allem-Widerstands hat sie einigermassen überlebt.“

***

● „Zwischen Sehnsucht und Schande“, Lisbeth Herger und Heinz Looser; Verlag hier + jetzt, Baden 2012

● Anna Maria Boxlers Kampf um ihre Kinder war auch Thema der Ausstellung „Verdingkinder“ im Historischen Museum Thurgau von Mai bis Oktober 2011. Sehen Sie dazu den art-tv.ch-video.

*****

Die heilende Wirkung der Aufbewahrung - Fragen an den Thurgauer Staatsarchivar André Salathé

Herr Salathé, welche Akten aus dem Staatsarchiv Thurgau konnten Sie Heinz Looser auf seine Anfrage hin zum Lesen geben?

André Salathé: Das waren vor allem dicke Folianten mit Akten von Administrativbehörden: Regierungsbeschlüsse, Unterlagen von Julius Müller aus Kalchrain und aus der der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.

Die Akten aus Münsterlingen wurden für das Buch dann doch nicht verwendet. Was ist das Besondere an Psychiatrieakten?

André Salathé: Sie sind speziell gut geschützt, unterliegen zum Beispiel keiner Verjährungsfrist. Persönliche Informationen aus Psychiatrieakten müssen verfremdet werden, wenn sie publiziert werden. Das Staatsarchiv bewahrt Psychiatrieakten zu hundert Prozent auf, während es zum Beispiel bei der Höhenklinik Davos nur rund zehn Prozent sind.

Warum?

André Salathé: Bei der Höhenklinik ging es darum, die Sozialgeschichte sichtbar zu machen – dazu reicht eine Auswahl. Psychiatrieakten hingegen geben auf fast alle Fragen Auskunft, die sich später einmal stellen können. Will jemand beispielsweise die Vergewaltigung von Dienstmägden durch ihre Dienstherren im 19. und 20. Jahrhundert im Thurgau untersuchen, sind Psychiatrieakten hervorragende Quellen.

Welche persönlichen Akten von einzelnen Menschen werden im Staatsarchiv aufbewahrt?

André Salathé: Durch die Aufbewahrung der Zivilstandsdaten sind Geburt und Tod jedes Menschen dokumentiert. Natürlich versuchen die Archive, darüber hinauszugehen, doch eine wichtige archivtheoretische Frage ist schon, ob das Individuum ein Recht auf Dokumentation seines Lebens hat. Meines Erachtens geht es eher um die gesellschaftliche Relevanz von Akten.

Freuen Sie sich über die Publikation eines Buches wie dem von Heinz Looser und Lisbeth Herger?

André Salathé: Ich freue mich, wenn – wie hier – qualitativ gute Forschung stattgefunden hat. Ich finde es sehr berührend, wenn unsere Archivtätigkeit eine existenzielle Wirkung auf die nachforschenden Menschen entfaltet. Das war hier so, und das ist auch häufig bei jemandem so, der adoptiert wurde. Die Aufbewahrung von Akten kann eine starke heilende Wirkung haben. (kaz.)

*****

Grosses Interesse an der Buchvernissage

Das Interesse für das widerständige Leben der Anna Maria Boxler zwischen Sehnsucht und Schande war gross: Rund sechzig Besucherinnen und Besucher kamen am 4. Oktober an die Buchvernissage ins Staatsarchiv Frauenfeld. André Salathé begrüsste sie im Namen des Historischen Vereins und des Staatsarchivs.

Das Autorenpaar Lisbeth Herger und Heinz Looser fand, wie schon beim Schreiben, auch beim Lesen zu einer erfolgreichen Arbeitsteilung: Autorin Lisbeth Herger las Textpassagen auf Hochdeutsch, Rechercheur Heinz Looser erzählte Persönliches auf Schweizerdeutsch. Die Anwesenden stellten zahlreiche, auch persönliche Fragen, die Heinz Looser freimütig beantwortete. Die behördlichen Eingriffe von damals wirken sich bis heute auf seine Familie aus: Von seinen acht Onkeln und Tanten kennt er nur drei; viele Cousinen und Cousins sind ihm unbekannt. Manche lernte er durch die Arbeit am Buch kennen; eine Halbcousine zeigte ihm das erste Foto seiner Grossmutter. (kaz.)

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Literatur

Werbung

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026