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von Katrin Zürcher, 25.08.2015

Plädoyer für die Menschlichkeit

Plädoyer für die Menschlichkeit
"Die Motivation für mein Kunstschaffen ist letztlich sehr persönlich; ich mache meine Kunst für mich. Wenn ich damit Leute zum Nachdenken bringen kann, freut mich das." | © zVg

Katrin Zürcher

Die neue Ausstellung im kantonalen Kunstmuseum in der Kartause Ittingen verbindet Geschichte und Gegenwart, Kunst und Politik. Der chinesische Künstler Tsang Kin-Wah fragt mit seiner „Ecce Homo Trilogy II“ nach Wahrheit und Menschlichkeit in unserer Mediengesellschaft.

Der 1976 geborene Künstler Tsang Kin-Wah im Eingangsraum zu seiner Installation im Kunstmuseum Thurgau. (Bilder: zVg)

Auf den ersten Blick lässt nichts im Eingangsraum darauf schliessen, was einen in den übrigen drei Räumen der begehbaren Installation erwartet. Ästen und Zweigen einer exotischen Pflanze gleich schlängeln sich Linien über Wände und Fussboden, ziehen die Besucher lockend in ihren Bann. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass einem hier nichts verheissen wird, ganz im Gegenteil: Die ornamental anmutenden Linien bestehen aus Buchstaben, Wörtern, Teilen von Sätzen, ohne Abstand, ohne Punkt und Komma aneinandergereiht. „Weaponsofmassdistorting“ liest man, „Thenecessaryweapons“ in Endlosschlaufe. Waffen für das Verzerren der Massen? Die nötigen Waffen?

Filmstill Saddam Hussein.


Beklemmender Soundtrack

Neugierig biegt man um die Ecke und steht im zweiten Raum einer riesigen Leinwand gegenüber, auf der die Gerichtsverhandlung Saddam Husseins zu sehen ist. Sie endet mit dem Todesurteil. Einen Raum weiter zeigt ein weiteres Video auf grosser Leinwand die Vollstreckung dieses Urteils – Tod durch Erhängen. Und noch einen Raum weiter wird der Sarg mit den sterblichen Überresten des irakischen Ex-Diktators zu Grabe getragen. Die schwarz-weissen Bilder, die der Künstler aus dem Internet bezogen, verfremdet und unscharf gemacht hat, begleitet er mit einer beklemmend-bedrohlichen Tonspur. Dadurch entziehen sie sich ein Stück weit der Sensationsgier des Publikums. Dennoch sind sie schwer erträglich und führen unweigerlich zu vielen Fragen.


Die Menge fordert das Todesurteil

Die Installation gleicht einem grossen, begehbaren Theater.

„Ecce Homo Trilogy II“ heisst die am Sonntag eröffnete, begehbare Installation des chinesischen Künstlers Tsang Kin-Wah, die bis Mitte Dezember im kantonalen Kunstmuseum in der Kartause Ittingen zu sehen ist. Sie steht laut Museumsdirektor Markus Landert in einer speziellen Beziehung zu den früher von Mönchen genutzten Räumen, thematisiert Geschichte und Gegenwart, Glaube und Zweifel, Kunst und Politik. „Ecce homo“ ist ein Bibelzitat und wurde unterschiedlich übersetzt mit „Siehe, der Mensch“, „Sehet, welch ein Mensch“ oder „Seht, da ist ein Mensch“. Mit diesen Worten habe Pontius Pilatus dem Volk vor der Kreuzigung den gegeisselten Jesus präsentiert. „Der römische Statthalter appelliert so ans Mitleid des Volks, doch die Menge fordert das Todesurteil.“


Wider die Todesstrafe

Die Ausstellungskuratorin Stefanie Hoch sieht das Werk Tsang Kin-Wahs letztlich als Plädoyer gegen die Todesstrafe. Nachdem er im ersten Teil seiner Trilogie in den Jahren 2011-2012 die Hinrichtung des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu im Jahr 1989 untersucht hatte, widmet er sich nun dem irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein. „Er wählt diese Protagonisten ganz bewusst, um ungeachtet der Grösse ihrer Schuld Mitleid zu erzeugen und die Hinrichtungen in Frage zu stellen“, so Stefanie Hoch Damit zeige Tsang Kin-Wah auch, wie notwendig eine beständige Überprüfung der Nutzung und Deutung von Bildern sei. Die Rolle der Bildmedien sei besonders brisant, weil Bilder und Filme eine unmittelbare Wirkung auf die Betrachter hätten. „Bei den täglich neuen Schreckensbildern, die Menschen hinter Propaganda und Spektakel wahrnehmen - vielleicht bedeutet ‚Ecce Homo‘ schlichtweg dies.“

***

„Die Ausstellungsräume passen gut zu meinem Werk“

Tsang Kin-Wah, was ist die Motivation für Ihr Kunstschaffen? Möchten Sie der Welt etwas mitteilen?


Die Motivation für mein Kunstschaffen ist letztlich sehr persönlich; ich mache meine Kunst für mich. Aber natürlich zeige ich sie auch der Öffentlichkeit. Wenn ich damit Leute zum Nachdenken bringen kann, freut mich das.


Was stand am Anfang der Ecce Homo Trilogie?


Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, sah ich im Fernsehen die Hinrichtung des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu. Sie wurde einfach so gezeigt. Diese Bilder verstörten mich sehr, zwar nicht auf eine unmittelbare Art, aber dafür nachhaltig. Ich brachte sie nicht mehr aus meinem Kopf.


Spielt die Religion eine Rolle in Ihrem Werk?


Ich war früher Christ, besuchte im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren eine christliche Schule. Die christliche Religion hat mich geprägt. Heute habe ich einen anderen Zugang, aber natürlich beeinflusst mich das Christentum immer noch. Insofern passen die Ausstellungsräume in diesem ehemaligen Kloster gut zu meiner Ecce Homo-Serie.
Sie haben den Auftritt von Hongkong an der diesjährigen Biennale von Venedig gestaltet.

 

Machen Sie sich nun bald an die Arbeit zum dritten Teil Ihrer Ecce Homo Trilogie?


(Lacht) Nein, da brauche ich erst einmal eine Pause. Im Moment arbeite ich an verschiedenen kleineren Projekten, aktuell gerade an einer Bilderserie.

 

**

Mehr zum Thema:

Standort gilt als gegeben - thurgaukultur.ch vom 13.05.2015

 

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