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von Alex Bänninger, 21.02.2015

Die Herzen bleiben kühl

Die Herzen bleiben kühl
Es stellen sich noch ein paar Fragen: Expo 02. | © Rolf Müller

Inzwischen sicherte der Bundesrat zu, die Vorbereitungsarbeiten zur Expo Ostschweiz 27 ideell zu unterstützen. Auch nach diesem wichtigen Zwischenschritt bleibt das öffentliche Interesse an der Landesausstellung gering. Noch greift die Werbung der Befürworter nicht.

Alex Bänninger

Für Reisen, Autos und Uhren wird sinnlicher, fantasievoller und einprägsamer geworben als für die Expo Ostschweiz 27. Die Website des Vereins, der die nächste Landesausstellung fördert, ist grafisch weit von einem Wurf entfernt und sprachlich robust gezimmert. Es fehlt der Funke, der auf die Bevölkerung überspringen und wenn kein Höhenfeuer, dann wenigstens ein Kaminfeuer der Begeisterung entzünden könnte.

Der Internetauftritt mag jener älteren Generation genügen, die den Expo-Eröffnungstag bestenfalls bei schwindenden Kräften erlebt, kaum jedoch den digital vernetzten Jüngeren, die dereinst hoffentlich den Hauptharst des Zielpublikums bilden.

Fehlender Rückenwind

Das Projekt wird in der Öffentlichkeit nach wie vor nicht diskutiert. Zugegeben: Bis zur Ausstellung dauert es noch zwölf Jahre. Aber Steuergelder werden bereits jetzt, u. a. für den internationalen Konzeptwettbewerb, ausgegeben. Und der Förderverein meint ja, die Zeit sei reif für eine Werbekampagne. Daran ist die Überlegung richtig, dass eine milliardenteure Expo so früh wie möglich den starken Rückenwind aus dem gemeinen Volk benötigt. Damit hapert es bös.

Mehr Gemeinplätze als Argumente

Besserung verspricht die Website keine. Der Satz "Lassen Sie sich für die EXPO Bodensee Ostschweiz 2027 begeistern" klingt mehr flehentlich als motivierend. Ein zu Herzen gehender Aufruf ist es nicht. Auch die rationalen Aspekte kommen zu kurz. Die Frage, ob und warum es eine weitere Landesausstellung braucht, bleibt einfachheitshalber ausgeklammert.

Sie gilt dem Expo-Verein offenbar stillschweigend als zustimmend beantwortet. Er wiegt sich vielleicht in falscher Sicherheit und begnügt sich mit Hinweisen auf die Notwendigkeit, den Anlass in der Ostschweiz durchzuführen. Die Gründe sind stichhaltig - wenn auch mit der fatalen Einschränkung, dass sie schlichtweg auf sämtliche Landesgegenden zutreffen.


Offizieller Clip Expo Bodensee Ostschweiz 2027:

 

Im gestalterisch ideenfreien Videoclip, der für den Standort überzeugende Argumente verspricht, produzieren sich einige Ostschweizer Prominente mit Gemeinplätzen, die leider lediglich eines verraten: dass sogar die Spitzenbefürworter aus dem Tritt geraten, wenn sie blitzenden Geistes Sinn und Unanfechtbarkeit ihrer eigenen Initiative erklären müssten. Kein Wort verblüfft, keines haftet. In der Romandie, im Tessin und in Romanischbünden ohnehin nicht, weil das Filmchen gerade mal Frühdeutsch kann.

Hingeworfene Texte

Der Fairness halber sei angemerkt, dass der Webauftritt auch aus einer französischen und italienischen Version besteht. Eine zusätzliche rätoromanische Fassung wäre allerdings eine freundeidgenössische Geste. Zumal der Verein betont, die Expo besitze "echt schweizerischen Charakter", wozu - mit Verlaub - auch die Kultur der Viersprachigkeit gehört. Aber das Sprachliche in der Präzision einer Schweizer Uhr ist nicht die ins Auge springende Qualität der Internetpräsentation.

Bei der Formulierung beispielsweise, "Die Stärken der Schweiz in die Welt hinaustragen ist Inhalt der EXPO Bodensee Ostschweiz 2027", faltet sich die Stirne, weil "Inhalt" nicht stimmt und "Ziel" richtig wäre. Leer schlucken lässt der Satz "Vom Genfersee bis Bodensee und vom Jura bis Tessin alle sind in der Region Bodensee Ostschweiz herzlich willkommen."

Das Problem ist nicht das Fehlen des Kommas oder des Doppelpunkts nach "Tessin" und des Bindestrichs nach "Bodensee". Sauer stösst auf, Menschen jenseits unserer grossen Grenzgewässer und jenseits von Pruntrut und Chiasso in der Ostschweiz nicht herzlich begrüssen zu wollen. Mit dieser Beanstandung sei keine Phobie vermutet, sondern einfach der Wunsch geäussert, Texte vor dem Aufschalten genau zu lesen.

Website des Vereins Expo 2027 (klicken).

 

Widersprüche

Dann liessen sich auch Widersprüche vermeiden und die Veröffentlichung von Gedanken, bevor sie zu Ende gedacht sind. Das harmlosere Exempel ist die Behauptung, es sei der Bodensee ohne Grenzlinie, was die enge Verbundenheit der Anrainer beweise. Der historische Sachverhalt lautet, dass seit dem Westfälischen Frieden von 1648 bis heute keine verbindlichen Grenzen festgelegt werden konnten, weil sich Deutschland, Österreich und die Schweiz nie zu einigen vermochten. Ungetrübte Verbundenheit sieht anders aus und schafft kein völkerrechtliches Niemandsland.

Schwergewichtiger ist der Widerspruch zwischen dem penetranten Akzent auf schweizerischen Werten und Interessen und der Absicht, die deutsche, österreichische und liechtensteinische Nachbarschaft einzubinden. Sie ist weder im Vorstand des Fördervereins noch in der Trägerschaft vertreten. Das passt nicht zum stolz verkündeten Bekenntnis zur "europäischen Zusammenarbeit" und dieses wiederum nicht zum Ostschweizer Abstimmungsverhalten bei der Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung".

Verklärte Schweiz

Der Förderverein lobt die Schweiz im Allgemeinen und die Ostschweiz im Besonderen über den grünen Klee. Das inspiriert zu ungebremsten Statements wie "Die Schweiz mit ihrem echten Charme nicht nur ihrer selbst Willen – für Land und Leute – zu repräsentieren, sondern deren wirtschaftlichen Stärken und die kulturelle Vielfalt in die Welt hinauszutragen, ist der Inhalt und die Befähigung der EXPO Bodensee Ostschweiz 2027." Solcher Überschwang widersteht auch der Versuchung nicht, unser Land ins reine Licht der Superlative wie "unabhängig, freiheitlich, sozial, vielfältig, innovativ, bodenständig, erfolgreich, unbestechlich" zu tauchen und Probleme tunlichst auszublenden.

So viel patriotische Muskelkraft macht die Grundsatzfrage unvermeidlich, ob sich eine Landesausstellung im Dienste einer realitätsblind verklärten Schweiz aufdrängt. Eine 1.-August-Feier, die ein halbes Jahr dauert, wäre des Guten entschieden zu viel.

Es könnte hilfreicher und im Rahmen der gewollten "europäischen Zusammenarbeit" angebrachter sein, für eine Expo zu werben, die auch Mass nimmt an schweizerischen Eigenschaften wie Skepsis, Nüchternheit und jener Vorsicht, die Abwägen und Wagemut klug miteinander zu verknüpfen weiss.

***

Mehr zum Thema:

«Verführung ist angesagt!» - Tagblatt vom 06.02.2015
60 Ideen für Ostschweizer Expo - thurgaukultur.ch vom 15.09.2014
Facebook-Seite des Vereins Expo Bodensee Ostschweiz 2027

 

www.verein-expo27.ch

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