von stefanie hoch, 19.03.2013
Die 6-Meter-Marke ist erreicht!

Der Scheiterturm von Tadashi Kawamata wächst und wächst. Was es dazu alles braucht, davon berichtet die Ausstellungskuratorin des Kunstmuseums Thurgau in der Kartause Ittingen:
Stefanie Hoch
Die 14 Studierenden aus der Klasse von Tadashi Kawamata an der Ecole des Beaux-Art de Paris sind nun seit dem 10. März in Ittingen vor dem Westtor mit dem Bau des „Scheiterturms“ beschäftigt. Sie arbeiten gemeinsam mit jeweils drei Betreuten Mitarbeitern der Stiftung Kartause Ittingen am „Scheiterturm“ – ausser sonntags täglich, trotz unwirtlicher Wetterbedingungen. Von Regen, Schnee und Wind lassen sich weder Kawamatas Team noch die Ittinger Crew abhalten.
Tipps vom Förster
Unter Anleitung des Bauleiters Christophe Scheidegger und nach dessen Plänen wuchs der Turm in unglaublich kurzer Zeit in die Höhe. Zunächst mussten Stahlträger kreisförmig auf die Schraubfundamente montiert werden. Dies erforderte, dass die erste Lage Holzscheiter auf die Stahlträger passend eingekerbt wurde. Unter anderem dafür war der Revierförster Paul Koch in den ersten Tagen immer wieder zur Stelle und gab Tipps, was das Zusägen und die Stapeltechniken anging. Schliesslich sind gerade die unteren Schichten entscheidend für die Standfestigkeit des Turms. Insbesondere an der Südseite wird er in den Sommermonaten extrem an Masse verlieren. Dadurch wird ein Ungleichgewicht entstehen, das bereits jetzt mit einberechnet und ausgeglichen werden muss.
Jede Menge Geduld und Fleiss gefragt
Der Ingenieur Markus Zimmermann aus Rafz kontrolliert jeden zweiten Tag die Statik und berät sich mit dem Architekten. Essentiell für die Stabilität ist das Aufschrauben von flachen Stahlplatten, die ringförmig alle zwei Meter auf einer Lage Holzscheiter liegen. Dies erfordert grosse Genauigkeit und Geduld.
Jede Menge Geduld, aber auch Begeisterung bringen dieser Tage auch die Stiftungsbediensteten Thomas Meienberger und Lukas Roggensinger mit. Sie sind unermüdlich bereit, dem Bauteam bei allen ortsspezifischen Belangen mit Rat und Tat, Werkzeugen und Fahrzeugen zur Seite zu stehen.
Ist der Künstler selbst vor Ort, werden noch emsiger Scheiter geschultert, gestapelt und zurecht gehämmert. Denn kaum angekommen, stand Kawamata schon auf dem Gerüst und baute selbst mit. Offensichtlich nicht nur ein denkender Konzeptkünster, sondern auch ein zupackender Handwerker.
110 Ster Holz bereits verbaut
Die Scheiter werden über eine eigens angefertigte Holzrutsche vom Holzvorratslager zum Turmeingang transportiert, dort in einen Korb verladen, der dann an einer Winde nach oben gezogen wird. Mittlerweile hat er bereits beinah die sechs Meter-Marke erreicht! Wenn wie geplant die 170 Ster - die Holzernte dieses Winters - verbaut sind, wir der Turm ein Gewicht von 100 Tonnen erreichen. Circa 110 Ster Holz sind bereits verbaut, während 60 Kubikmeter noch auf ihre Auffahrt in luftige Höhen warten. Zum Abschluss wird ein Dach aus Blech montiert und das Innengerüst entfernt werden.
Nach zwei Jahren zu Brennholz geworden
Nach Fertigstellung und Entfernung des Innengerüstes wird auch das Innere des Turms zugänglich sein. Aus der Ferne wie beim Betreten ein einmaliges Erlebnis. Denn der „Scheiterturm“ erscheint zugleich wuchtig und fragil. Vor dem Hintergrund des Waldes und am Eingangstor der Kartause Ittingen wirkt er tatsächlich wie ein vergängliches Wahrzeichen. Denn nach zwei Jahren geht das künstlerische Ausgangsmaterial - zu Brennholz geworden - wieder in den üblichen Verwertungskreislauf ein. Tadashi Kawamata ist ein Künstler, der seine Projekte temporär und von den jeweiligen Orten ausgehend konzipiert. Dies ist bei dieser Konstruktion so deutlich spürbar wie in kaum einem seiner weltweit realisierten Projekte.
***
Vernissage: Sonntag, 24. März 2013, 11.30 Uhr
Ähnliche Beiträge
Diese entsetzliche Lücke
Licht, Architektur, Gesellschaft: Asi Föcker und Anne Gathmann legen im Shed des Eisenwerks rätselhaft-kunstvolle Spuren zur Deutung unserer Zeit. mehr
Ein Maler wie kaum ein anderer
Ein Zufall sorgte vor über 50 Jahren dafür, dass Willi Oertig Künstler wurde. Seine Werke waren so beliebt, dass er seine Familie davon ernähren konnte. Nun ist er im Alter von 79 Jahren gestorben. mehr
Mehr Struktur, mehr Programm: Wie sich das Eisenwerk professionalisiert
Mit dem sanierten Saal wächst das Frauenfelder Kulturhaus: Bis zu 600 Gäste sind nun möglich, zugleich steigen die Anforderungen. Das Ehrenamt soll trotzdem zentral bleiben im Betrieb. mehr

