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23.11.2015

Das Spiel mit dem Raum

Das Spiel mit dem Raum
Blick in den Ausstellungsraum | © Florian Weiland

Der Kunstraum Kreuzlingen widmet dem Adolf-Dietrich-Förderpreisträger Daniel V. Keller eine Einzelausstellung. Zeitgleich erinnert Andreas Hagenbach im Tiefparterre an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs

Von Florian Weiland

Betritt man die Ausstellungshalle, fällt der Blick als erstes auf ein riesiges Blechschild, das von der Decke hängt. „Welcome to“ heisst es da. Eine nette Begrüssung. Aber wo und wozu werden wir hier willkommen geheissen? Das Schild erinnert an die riesigen Tafeln, die sich in Amerika an fast jedem Ortseingang finden und auf die Sehenswürdigkeiten oder Besonderheiten der jeweiligen Stadt hinweisen. Nun, auf Kreuzlingen nimmt dieses Schild offensichtlich keinen Bezug. Auch wenn der Künstler zu dieser Stadt eine enge Beziehung hat. Daniel V. Keller wurde 1987 im nahen Münsterlingen geboren. Die Ausstellung im Kunstraum sei für ihn ein „Heimspiel“, betont der weitgereiste Künstler, der in Amsterdam und New York studierte und heute in Zürich und Amsterdam lebt.

Auf dem Schild finden sich neben dem plakativen Schriftzug zwei Grafiken. Auch sie bringen keine wirkliche Aufklärung, sondern verstärken eher noch die Irritation. Ein Screenshot des Grafikprogramms, mit dem Keller den Schriftzug entworfen hat ist zu sehen. Eine Art Making-of, wenn man so will. Keller visualisiert fast alle seine Arbeiten zunächst am Computer. Das zweite, etwas kleinere Bild zeigt ein Bonsai-Bäumchen. Geht es hier etwa um die Schönheit der Natur? Gerade nicht, erklärt der Künstler. Ein Bonsai-Baum sei ein vom Menschen gezüchteter Baum, dem jede Natürlichkeit abgeht. Keller unterstreicht diese Künstlichkeit, indem er das Bäumchen vor einem sterilen weissen Hintergrund setzt. Wird die Arbeit damit zu einer hintersinnigen Anspielung auf die vom Menschen veränderte Umwelt?

Objekt ohne Titel Daniel V. Keller

 

"Balance zwischen Irritation und Harmonie"

Der Adolf-Dietrich-Förderpreis feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Daniel V. Keller ist der 16. Preisträger. Die Auszeichnung umfasst ein Preisgeld von 15'000 Franken und eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen. Die Ausstellungshalle selbst bleibt diesmal weitgehend leer. Ausser dem Willkommens-Schild werden lediglich drei skulpturale Arbeiten – sie sind exklusiv für die Ausstellung entstanden – präsentiert. Die Kargheit ist Konzept. Keller ist es wichtig, dass seine Arbeiten den nötigen Raum haben, sich zu entfalten. So ziehen sie mehr Aufmerksamkeit auf sich. Zudem wird ihre Bedeutung gesteigert. Wobei das mit der Bedeutung so eine Sache ist. Der Betrachter ist aufgefordert, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Keller liefert die Eckdaten. Er verwendet ganz alltägliches Material – zum Beispiel Fahrradständer oder Reflexionsstreifen, wie wir sie von Baustellen kennen – reisst es aus dem Kontext und schafft rätselhafte Skulpturen. Der Künstler, dessen handwerkliche Perfektion beeindruckt, spielt mit unserer Wahrnehmung, indem er etwa Nützlichkeit suggeriert, wo keine ist. Der Betrachter soll, wünscht sich Keller, „eine Balance finden zwischen Irritation und Harmonie.“ Einen entscheidenden Reiz gewinnen die oft fragmentarisch bleibenden, minimalistischen Arbeiten durch die unübersehbaren Verweise auf die Kunst-, Architektur- und Designgeschichte.

Kreuz an Kreuz - Andreas Hagenbach im Tiefparterre

Kontrastprogramm wartet eine Etage tiefer. Andreas Hagenbach hat sich im Elsass auf Spurensuche gemacht und nimmt den Ausstellungsbesucher mit auf eine Zeitreise zu den Gräbern und Mahnmalen des Ersten Weltkriegs. Das Tiefparterre mit seiner niedrigen Deckenhöhle bietet den optimalen Raum für die beklemmende Installation. Man fühlt sich an einen Luftschutzkeller oder eine Krypta erinnert. Videoarbeiten, Diaprojektionen, Hörinstallationen und historische Fotografien verbinden sich zu einem eindrucksvollen Gesamtkunstwerk. Kreuz an Kreuz reiht sich auf einem Soldatenfriedhof aneinander. Endlose Reihen. Der 1964 in Basel geborene Künstler zeigt die Bilder als Fotonegative, was die Szenerie noch unheimlicher und gespenstischer wirken lässt. Makaber wirkt dagegen ein gross an die Wand projizierter Ausschnitt einer Anzeige aus einer Basler Tageszeitung. Eine „Schlachtfelder Rundfahrt im Auto“ wird angeboten, zum einmaligen Preis von 117 Franken, warten „unvergessliche Eindrücke“. Mittagessen und Trinkgelder sind inbegriffen. Der erste Weltkrieg wird als Abenteuerausflug vermarktet. Ein erschütterndes Zeitzeugnis.

Erschütterndes Zeitzeugnis: Anzeige aus einer Basler Tageszeitung in Andreas Hagenbachs Ausstellung im Tiefparterre Kreuzlingen.

 

Hagenbach prangert mit seiner intensiven Installation die Sinnlosigkeit des Krieges an. Und er wundert sich über den damals vorherrschenden Begriff der Ehre, der uns heute mehr als fragwürdig vorkommt. Winzig klein ist das vielleicht ausdrucksstärkte Bild dieser Ausstellung. Es zeigt eine Christusskulptur, die auf einem Gefallenenfriedhof steht. Das Kruzifix ist irgendwann einmal zerstört worden. Nun scheint es, als habe Christus die Arme erhoben, um sich zu ergeben.

 

In unserem Magazin mehr zu Daniel V. Keller
Dietrich-Preis an Daniel V. Keller, 28.4.2015

 

und in unserer AGENDA:

Daniel V. Keller „Pastcorners – Rearranged“, Kunstraum Kreuzlingen
Andreas Hagenbach „Nachrichten an den Tag“, Tiefparterre Kreuzlingen


Bis 24. Januar 2016
Freitag 15-20 Uhr, Sa u. So 13-17 Uhr
www.kunstraum-kreuzlingen.ch

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