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von Kurt Schmid, 26.04.2022

Ciao, Binsi!

Ciao, Binsi!
Die erste Inszenierung des See-Burgtheaters in der namengebenden See-Burg im Jahr 1990: "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch mit Astrid Keller als Frau Biedermann und Hans Ruedi Binswanger als Herr Biedermann. | © Mario Gaccioli/See-Burgtheater

Nachruf an und auf einen, der kein Schauspieler sein wollte, sondern ein Menschendarsteller war: der Kreuzlinger Hans Ruedi Binswanger. Von Kurt Schmid. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Ciao, Binsi! Ja, ich rede mit dir, auch wenn das CIAO keine Begrüssung sondern ein Abschiedsgruss ist und niemand mehr mit dir realiter reden kann. Du bist den letzten Schritt gegangen, hast an besagter Stelle den Lokführer getäuscht. Trotz Massnahmen der Klinik. Scheisse, Binsi. Wie konntest du nur? Ich bin empört und traurig.

War’s vor einem halben Jahr, dass wir beim Coop Karussell auf dem kleinen Absatz vor dem Gebäude sassen und du mir erklärtest, es sei nun vorbei, du würdest nichts mehr machen, nur noch sein? Und dann doch auf die Familie zu sprechen kamst, wie eigentlich immer, den berühmten Grossvater Ludwig Binswanger, den Vater Wolfgang, der doch der viel bessere Mensch war und die Mutter Trudi? Das schon, aber es war kein Furor mehr da, keine gewichtige Anklage, mehr ein Feststellen, dass doch eigentlich alles anders war, als es wohl von aussen aussehen mochte.

Figuren aus dem Text heraus lebendig werden lassen

Von Beruf gabst du an: Menschendarsteller. Und explizit nicht: Schauspieler. Du konntest perfekt in andere Charaktere schlüpfen. Aber nicht, um aus ihnen ein Schau-Spiel zu machen, sie zur Schau zu stellen und schon gar nicht, um ihnen die Schau zu stehlen. Du wolltest und vermochtest es, sie darzustellen. Will heissen: den Figuren Persönlichkeit zu geben, sie aus den Buchstaben des Textes heraus lebendig werden zu lassen. Auch und vielleicht gerade darum, weil das in die Rollen anderer Schlüpfen gleichzeitig auch eine Maskierung ist. So tun, als ob man ein anderer wäre. Und dabei entdecken, vielleicht gar aufdecken, was denn dieser wäre, wenn es ihn tatsächlich gegeben hätte. Oder umgekehrt: was man von sich aus in sich entdeckt, wenn man einen andern spielt, sorry, darstellt.

Kennengelernt haben wir uns im Zusammenhang der Gründung des Seeburgtheaters, welches du zusammen mit Gregor Vogel auf die Beine gestellt hast. «Biedermann und die Brandstifter» von Frisch 1990, «Hin und Her» von Horvath 1991 auf beiden Seiten des damals noch existierenden Grenzzauns.

Es war ein Off-Theater, möglichst an immer wieder neuen Orten und vor allem nicht immer am selben. Das diskutierten wir damals intensiv. Weg vom tradierten Theaterbetrieb, originelle Schauplätze suchen, irgendwo in originalen Orten drin, die nach dem Theater wieder das sein würden, was sie vorher waren: eine Grenze, ein kleines Einfamilienhaus, der Platz vor der Seeburg.

Schleichende Entfremdung vom See-Burgtheater

Aber das Seeburgtheater kam dir abhanden, mutierte zum See-Burgtheater in Anklang an die grosse Burg in Wien. Das musste zu Reibereien führen. Der sich nach und nach etablierende Theaterbetrieb entfernte sich zunehmend, wie du dich zunehmend, auch krankheitsbedingt entferntetest. Die psychische Krankheit, ja sie packte dich und liess nicht mehr los. Da gab es den Menschen Hans-Ruedi Binswanger, der sich darstellte und hinter dem ein Abgrund war.

Der darüber balancierte und darüber berichtete in seinen Büchern, darüber eben, was hinter ihm familiär in und mit der Klinik Belle-Vue und den Binswangers war und was in ihm, unter ihm, mit ihm. Und dafür keine Fördergelder! Und auch dafür: wenig Anerkennung. Aber eine kleine Fangemeinde, Leute, mit denen du sprachst, Geburtstagsfeiern, zu denen du einludst, Bücher, Lesungen.

Und neben all der doch immer wieder bedrängenden Verzweiflung an den Menschen: Schalk! Und eine Bewunderung vor allem zu Kindern. Jetzt, wo es eigentlich zu spät ist, fällt es mir auf: An Kindern mochtest du ihre Direktheit, ihre unverdorbene Offenheit und auch ihre Frechheit.

Eine Anekdote zum Schluss

Kinderanekdoten erzähltest du gerne. Darum erzähle ich zum Schluss eine, du erinnerst dich? Du sasst bei uns im Hof. Das war in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gartenhaus des Bellevue, wo du aufgewachsen warst. Es ging hin und her mit Ereignissen von damals, wirklichen und erfundenen. Und mittendrin fragte die kleine Josephine: Binsi, sag einmal, spinnst du wirklich oder spielst du das nur?

 

 

 

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