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von Mia Nägeli, 15.03.2015

Slammen bis die Flaschen tanzen

Slammen bis die Flaschen tanzen
Yeah - Sektflaschen wie Stimmung sprudelten beim Mostindien-Slam. | © David Nägeli

Am Samstag fand im Vorstadttheater im Eisenwerk der 3. Poetry Slam in Mostindien statt. Beim Team-Special fanden sich keine Gewinner - dafür diverse Lacher und ein neuer Superheld für die Moderne.

David Nägeli

Poetry Slam kann vieles sein: Eine Sammlung an Schenkelklopfern, rhythmischer Sprechgesang, oder auch Neudichtungen von Klassikern der deutschen Lyrik. Und wenn zwei Slammer oder Slammerinnen gemeinsam auftreten, erweitert sich das Spektrum: Von Kleinsttheater mit zwei Darstellern bis zu einem zankenden Ehepaar kann diverses entstehen. Am 3. Poetry Slam in Mostindien bot sich einiges davon.

Eine bunte Collage an Slammern (leider ohne Slammerinen) stand am 14. März vor einem prall gefüllten Vorstadttheater. Neben den amtierenden Schweizer Team-Meistern des Team Interrobang (Manuel Diener und Valerio Moser) gaben sich auch k.u.k. (Wehwalt Koslovsky und Frank Klötgen), Pink im Park (Fabian Engeler und Pierre Lippuner) und die Gegensprechanlage (Damian Funk und Mathieu Heinz) die Ehre.

Sven Hirsbrunner und Dominik Muheim moderierten ...

... die Band "The Ringdingbing" machte Tempo. (Bilder: David Nägeli)

Moderiert wurde der Abend vom helvetischen Dreieck Dominik Muheim und Sven Hirsbrunner, untermalt von der Funk- und Ska-Band The Ringdingbing. Bemerkenswert war das Multitasking von Dominik Muheim: Als Gitarrist der Band sprang er stets zwischen Moderation und Musik hin und her.

Sex oder Schiller?

Der Zwiespalt, welcher sich üblicherweise im Poetry Slam auftut, zeigte sich auch an diesem Abend. Soll man nun konstant über Sex witzeln und Schenkelklopfer darbieten, oder mit Lyrik und Lautmalerei begeistern? Nach der traditionellen Eröffnung durch einen Nicht-Teilnehmer (in diesem Falle des Journalisten und Poetry Slamer Mathias Frei) begannen k.u.k. passenderweise mit einem Text, der den Zwiespalt thematisiert: Natürlich mache Sex im Slam Spass. Aber man solle auch die Tiefe nicht missen. Deswegen graben Koslovsky und Klötgen auch gerne mal tiefer - zum Beispiel in dem sie "Platzwunden spreizend ins Innerste greifen".

k.u.k.: "Platzwunden spreizend ins Innerste greifen".


Pink im Park
betätigten sich als Lebensratgeber. Sie listeten Gelegenheiten auf, "Nein" zu sagen: Eher passende ("Wenn du ein Job-Angebot als Selbstmordattentäter kriegst") und eher weniger passende ("Wenn dich dein Erzfeind nach deinem letzten Wunsch fragt"). Im zweiten Durchlauf präsentierten sie als Teleshopping-Verkäufer mit Wikipedia die perfekte Lösung für Langeweile oder allfälligen Schreibstau bei Doktor-Arbeiten.

Nein sagen, etwa für einen Job als Selbstmordattentäter: "Pink im Park".

Evolution im Schnelldurchlauf

Nach Pink im Park zeigte das Team Interrobang einen sechsminütigen Beatbox-Bildungsroman: In einem Affentempo spielten die beiden von Primaten über Immanuel "Fucking" Kant bis zur Post-Moderne die menschliche Evolution nach - untermalt von Lautmalerei, dargeboten mit Sprechgesang. Während der Beat zu Beginn der Evolution noch aus "Dumm" bestand, wandelte er sich zu Zeiten der Atombombe zu "Bumm" und danach zu "Stumm". Das Fazit: Dummheit ist eine chronische Krankheit des Menschen, Bildung nur eine Illusion - und die beiden Slammer trotteten, wie zu Beginn, wieder als Affen von der Bühne.

Die Gegensprechanlage stellte, passend zur Evolutionsdarstellung von Interrobang, den Superhelden der heutigen Zeit vor: Captain Mysterious. Der versucht gar nicht erst, die Komplexität des 21. Jahrhunderts zu fassen, sondern meinte stets simpel: "Das ist mysteriös." Die Gegensprechanlage stellte auch den Antagonisten von Captain Mysterious vor: Lord Agnostic. Zum epischen Endkampf standen sich die beiden auf dem Dach des Schloss Frauenfeld gegenüber. Der eine weiss, dass die grossen Fragen nicht zu klären sind, der andere stellt fest: "Das ist mysteriös."

"Team Interrobang": Dummheit ist chronisch, Bildung Illusion.

Stellte den Superhelden Captain Mysterious vor: Die "Gegensprechanlage".


Schillers Pocke

Traditionellerweise bewertet eine zufällig ausgewählte Jury aus dem Publikum die Slammer in der ersten Runde via Noten. Im Finale wird schliesslich via Applaus entschieden. Häufig machen dabei diejenigen das Rennen, welche mehr auf Komik statt auf Lyrik setzen.

Im Vorstadttheater wetteiferten schlussendlich k.u.k. und das Team Interrobang um die Preise. Zu gewinnen gab es übrigens eine Flasche Whiskey, zwei Flaschen Sekt und ein Apfel - schliesslich sind wir immer noch in Mostindien.

Am Schluss wird abgerechnet: Punktetafel der Wortgefechte.

k.u.k. zeigten sich von der lyrischen Seite und dichteten Friedrich Schillers "Lied von der Glocke" in ein "Lied von der Pocke" um und reihten gekonnt Reime und diverse Wörter aneinander, welche der Duden eher als "veraltet" oder "ungebräuchlich" kennzeichnet.

"Ich hab mein Brot verloren"

Interrobang hingegen sangen und sprachen ein Rap-Poem über Schweizer Traditionen: "Die Schweiz, das ist eine Idylle mit Gülle in Hülle und Fülle". Der folgende Fondue-Blues (aus dem klassischen "I woke up this morning" wird "Ich hab mein Brot verloren") setzte im Vergleich zu k.u.k. auch eher auf Schenkel- als auf Synapsen-Klopfer.

Umso schöner, dass die Moderatoren des helvetischen Dreiecks auch im dritten Applaus-Durchgang keinen klaren Favoriten feststellen konnten. Schlussendlich verkündeten die beiden ein Unentschieden: Platzwunden-Philosophie und Fondue-Blues vertragen sich doch ganz gut.

Den Slammern kommt ein Unentschieden eigentlich gar nicht so ungelegen. Zum Knigge der Wortakrobaten gehört es eineswegs, die gewonnen Alkoholika zu teilen. Und so tanzten zum Schlussset des Sextetts The Ringdingbings nicht nur das Publikum und die Slammer, sondern auch die Sektflaschen durch das Vorstadttheater.

Platzwunden-Philosophie und Fondue-Blues vertragen sich: Peace zu Ende.

 

***

Mehr zum Thema:

Flüssigkäse und Fondue-Blues - Thurgauer Zeitung vom 16.03.2015

Das Slammen geht weiter, nächsten Freitag im Z88 Kreuzlingen mit dem U20-Nachwuchs:  

kaff.ch

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