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21.07.2023

Trauer um Evelyn Ammann

Trauer um Evelyn Ammann

Die Ermatinger Künstlerin ist verstorben. Eine Erinnerung an ihr Wirken. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Evelyn Ammann war Künstlerin und gehörte lange Jahre zum Umfeld der Thurgauischen Kunstgesellschaft, insbesondere des Kunstraums. Kaspar Stokar aus dem Vorstand der Kunstgesellschaft erinnert sich noch gut an sie: „Oft betrieb sie dort an Anlässen und Feiern eine unvergessliche Bar, mit und hinter der sie echtes urbanes Flair verbreitete.“ 

Die Ermatingerin, die zuletzt in St. Gallen lebte, war aber auch als Künstlerin aktiv. Ursprünglich hatte sie eine Ausbildung im Modebereich als Schneiderin (bei Kriemler St.Gallen, heute Akris) absolviert. Danach widmete sie sich jahrelang der Töpferei und auch immer mehr Keramiken. Nicht als Nutzobjekte sondern als Kunstwerke. Ebenso war sie offen für andere Materialien, Fundobjekte und Disziplinen wie die Fotografie. Dafür reiste sie oftmals nach New York. 

 

Porträt von Evelyn Ammann, das sie selbst mochte. Bild: privat

„Die stete Kreativität Werke zu schaffen war von zentraler Bedeutung für sie.“

Tobias Müller, Sohn und Galerist

„Die Zurschaustellung ihrer Kunst in Ausstellungen war jedoch nie primär ihr Hauptinteresse. Ich denke, die stete Kreativität Werke zu schaffen war von zentraler Bedeutung für sie“, erinnert sich ihr Sohn Tobias Müller, der inzwischen in Zürich seine eigene Galerie „Tobias Müller Modern Art" mit den grossen, klingenden Namen der Weltkunst führt.

Sie sei in ihrem Drang zur Kunst auch von ihrem Umfeld geprägt gewesen, sagt Müller. „Angefangen von meinem Vater der nebst der Anwaltstätigkeit Präsident des St. Galler Kunstvereins war, über Ihren jüngeren Bruder Thomas Ammann, der Kunsthändler von Weltruf wurde, bis hin zu Freundschaften (über den Zürcher Galeristen Bruno Bischofberger) mit Künstlern wie Jean Tinguely, Niki de St. Phalle, Olivier Mosset oder Helmut Federle, welche jeweils bei uns in St. Gallen wohnten.“ 

Grosse Verbundenheit zur lokalen Kunstszene

Engagement und Nähe zur lokalen Kunstszene und deren Protagonisten seien ihr wichtig gewesen, „sie sah sich als Teil davon ohne sich je in den Vordergrund drängen zu wollen“, beschreibt Tobias Müller das Wirken seiner Mutter. 

Markus Landert, langjähriger Direktor des Kunstmuseum Thurgau, schätzte Evelyn Ammann ebenfalls. Auf Nachfrage von thurgaukultur.ch schrieb er: „Evelyn Ammann war eine faszinierende Persönlichkeit, deren Schaffen aber nur wenige Menschen näher kannten. Dabei nutzte sie für ihre Arbeit ganz selbstverständlich aktuellste künstlerische Strategien. Als modellhaft für ihr Vorgehen kann ihre Arbeit „Schwarz, Rot, Gold" angesehen werden. Diese besteht aus einem schwarzen Kästchen, in dem auf rotem Stoff zwei goldene Frauenbrüste leuchten. Die Verbindung der deutschen Nationalfarben mit Frauenbrüsten, die im Kästchen wie Schmuckstücke präsentiert werden, kommentiert die Frage nach der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft mit hintergründiger Ironie.“

 

Evelyn Ammanns "schwarz rot gold" ca. 1991 Kunstmuseum Ittingen

„Sie nutzte für ihre Arbeit ganz selbstverständlich aktuellste künstlerische Strategien.“

Markus Landert, Direktor Kunstmuseum Thurgau

Tatsächlich beschäftigte sie das Verhältnis der Geschlechter sehr. „Meine Mutter teilte den Kunstbetrieb nicht radikal in Männer- und Frauenkunst ein, sie äusserte sich aber immer wieder und schon seit früher Zeit, kritisch darüber, dass Künstlerinnen zu Unrecht zuwenig vertreten und gezeigt werden“, erinnert sich Tobias Müller. 

Dies habe sich manchmal auch direkt in ihren Arbeiten offenbart. Zum Beispiel in der „Milchstrasse Ausstellung” bei der bemalte und dekorierte Gips-Brüste mit klingenden Titeln von Filmen oder Zitaten von Schriftstellerinnen versehen waren. 

Die Benachteiligung von Künstler:innen

Eine Ihrer Fotoarbeiten, die sie in New York als Grafitti fotografierte, zeigte den Spruch „Do women have to be naked to get into the Met”. 

Auf die Frage, ob es ein Werk seiner Mutter gebe, dass beispielhaft für ihr Werk stehe, antwortet Tobias Müller: „Ich denke nicht, dass es ein einziges Werk von meiner Mutter gibt, welches all ihre vielen verschiedenen Interessen vereint. Alles bündelt sich in ihrem Gesamtwerk.“ Am 2. Juli 2023 ist Evelyn Ammann im Alter von 82 Jahren gestorben.

 

Werk von Evelyn Ammann, das sie bei sich daheim aufbewahrte. Bild: privat

 

 

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