Anlass zur Beunruhigung

Am zweiten Abend des Festivals Kabarett in Kreuzlingen überzeugte Christoph Sieber, der Gewinner des diesjährigen deutschen Kleinkunstpreises, das Publikum mit zynischer Gesellschaftskritik.
David Nägeli
Das Programm, welches Christoph Sieber am zweiten Abend des Kabarett in Kreuzlingen 2015 präsentierte, lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen. Erstens: Heute ist alles Scheisse. Zweitens: Früher war's auch nicht besser.
"Das Leben ist eine Kunst, in der es viel zu viele Dilettanten gibt", sagt Sieber auf der Bühne der Campus-Aula. Was die Kabarett-Kunst angeht, gehört Sieber keineswegs zu den Dilettanten. Für die Zeitkritik und sein politisches Kabarett erhält er Ende Monat den deutschen Kleinkunstpreis 2015 verliehen. Sein aktuelles Programm "Alleine ist nie genug" zeigt seine Stärken: Zynismus und ein waches Auge auf die Gesellschaft.
Kapitalismuskritik und Vorkriegsstimmung
Von der NSA über Marine Le Pen (sie fordere die Todesstrafe für Selbstmordattentäter) bis zum Publikum lässt Sieber nur wenige gut dastehen. "Das Schlimmste an der Bahn sind die Kunden", fliesst ihm ebenso lässig über die Lippen wie "Das Problem an der Demokratie ist das Volk." Doch grundsätzlich sind nicht die Bürger, sondern die Befehlshaber Opfer von Siebers kritischem Humor.
"Statt nach unten, müssen wir nach oben treten", sagt Sieber. In Europa sieht er Vorkriegsstimmung, in technischem Fortschritt wittert er digitale Demenz und in der modernen Demokratie eine Scheinwelt: "Die Regierenden haben uns auf die Bank der Bushaltestelle gesetzt und gesagt: 'Der Bus kommt gleich.' Dabei wird nie einer kommen", fasst er die demokratische Errungenschaft zusammen.
Christoph Sieber ist ausgebildeter Pantomime mit hoher Wandlungskraft. (Bild: David Nägeli)
Ein Hoch auf den Zorn
In Siebers Programm versteckt sich auch eine kleine Huldigung an den Wutbürger - oder an dessen Andenken: "Der Zorn ist das wichtigste Gefühl, welches Europa abhanden gekommen ist", sagt Sieber. Und - ebenso Praktiker wie auch Pantomime - fordert er das Publikum zum kollektiven Zorn auf. Eine Emotion, die er auch in der Schweiz ein wenig verloren sieht.
Das Publikum gibt derweil sein Bestes, ihn in seinem Glauben zu bestärken: Die laut Veranstalter rund 200 Gäste reagieren auf Siebers Frage "Was macht euch zornig?" vorerst mit leisem Tuscheln.
Nach der humoristischen Antwort "Mitmachnummern von Kabarettisten" dauert es noch eine Weile, bis sich die ersten (natürlich Landsmänner von Sieber und keine Schweizer) melden. Der kollektive Brunftschrei des Publikums ("Auf drei schreien wir alle gemeinsam unseren Zorn heraus!") fällt jedoch überraschend laut aus. Dennoch résümiert Sieber über die Mentalität unseres Landes: "Der Schweizer planiert mit 85 mit dem Rollator noch den Pfad zur Vollbeschäftigung."
"Dann dürfte ich gar nicht auftreten"
Ebenfalls bemerkenswert ist Siebers mimische Ausdruckskraft. Der ausgebildete Pantomime unterstreicht seinen Text kunstvoll von Augenbrauen bis Kinn. Auch die Politik-Jonglage (die Farben der verschiedenen Bälle, also der Parteien, sei grundsätzlich austauschbar), der kurze Poetry-Slam oder die Rap-Einlage am Ende beleben das Programm.
In Kreuzlingen pendelte Sieber zwischen leichtem Alltagshumor und schwerer Gesellschaftskritik. Was letztere angeht, wünscht sich Sieber als Resultat seiner Arbeitvor allem eines: "Ich hoffe, ich konnte Sie ein wenig beunruhigen." Viel mehr, so weiss der Kabarettist, ist vielleicht auch gar nicht möglich. Denn: "Wenn das, was ich sagen würde, etwas bewirken könnte, dann dürfte ich gar nicht erst auftreten."
Programm und Vorverkauf KIK-Festival 2015
Joachim Rittmeyer, 7.2.; Thomas Reis, 21.2.; Erwin Grosche, 28.2.; Rolf Miller, 5.3.; Oropax, 6.3.; Alfred Dorfer, 10.3. (ausverkauft); Urban Priol, 12.3.; Günter Gründwald, 14.3.; Christine Prayon, 20.3.
Für die Veranstaltungen des KIK 2015 sind Tickets im Vorverkauf erhältlich: Bei Starticket (print@home, Vorverkaufsstellen) und in der Geschäftsstelle von Kreuzlingen Tourismus an der Hauptstrasse 39, 071 672 38 40. (rom)
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Eloquenter KIK-Start - thurgaukultur.ch vom 6.02.2015
Gescheite Intellektsperre (Interview Rolf Miller)
- thurgaukultur.ch vom 15.01.2015
KIK 2015 startet jetzt - thurgaukultur.ch vom 29.11.2014
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Alle Informationen und das Detailprogramm hier:
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